Firmengeschichte

Kolorierte Zeichnung des Saurer-Werks I am Bodensee in Arbon aus der Vogelschau, 1953
Werk I am See, Arbon (1953) · Eugen Jordi

Die Firma Adolph Saurer AG in Arbon zählt zu den bedeutendsten Industrieunternehmen der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Ihre Wurzeln reichen bis 1853 zurück, als Franz Saurer in St. Georgen bei St. Gallen eine Giesserei gründete, die 1863 nach Arbon verlegt wurde. 1869 verliess die erste Handstickmaschine die Werkstatt – der Grundstein für den Aufstieg zum führenden Schweizer Stickmaschinenhersteller. Mit der 1878 lancierten Schifflistickmaschine gelang Saurer der internationale Durchbruch; bis 1910 baute das Unternehmen rund 9900 Hand- und 6150 Schifflistickmaschinen und wurde zum grössten Industriebetrieb im Kanton Thurgau – ein Rang, den es ein volles Jahrhundert lang halten sollte.

Unter Adolph Saurer (1841–1920), nach dem Tod seines Bruders Emil (1896) ab 1897 Alleinbesitzer, und seinem Sohn Hippolyt (1878–1936) erweiterte sich das Unternehmen ab 1888 mit den ersten Petrolmotoren in Richtung Motorenbau. 1903 gelang Hippolyt Saurer mit dem ersten Lastwagen der eigentliche Durchbruch; zwischen 1904 und 1936 fanden Saurer-Nutzfahrzeuge in 43 Ländern Abnehmer. Weltwirtschaftskrise, zwei Weltkriege und wechselnde Konjunkturen prägten die folgenden Jahrzehnte, ebenso wie soziale Spannungen und wichtige Verbesserungen für die Arbeiterschaft.

Nach 1945 erlebte Saurer mit Webmaschinen und Stickmaschinen einen neuen Aufschwung; 1962/63 erreichte die Belegschaft in Arbon mit 4500 Mitarbeitenden ihren Höchststand. Ab den 1970er-Jahren geriet das Unternehmen zunehmend unter Druck ausländischer Konkurrenz: 1982 wurde die Einstellung der Lastwagenproduktion beschlossen, 1986 jene der Webmaschinenfertigung. Die Übernahme durch Tito Tettamanti 1988 bewahrte Saurer vor dem drohenden Konkurs und leitete die Neuausrichtung als international tätiger Technologiekonzern ein. Nach der Übernahme durch OC Oerlikon (2007) und die chinesische Jinsheng-Gruppe (2013) besteht die Marke Saurer heute als weltweit tätige Textilmaschinengruppe weiter; Teile davon gingen 2021/22 an Rieter.

In Arbon selbst sind von der einst grössten Industriestadt des Kantons Thurgau vor allem die Erinnerung, die Fabrikbauten und das Saurer Museum geblieben. Die Saurer-Stickmaschinen werden seit 2022 von der Lässer AG in Diepoldsau weitergeführt. Die folgenden Kapitel erzählen diese über 170-jährige Geschichte im Detail.

1853Gründung der Giesserei durch Franz Saurer
6150Schiffli­stick­maschinen geliefert bis 1910
43Länder mit Saurer-Nutzfahrzeugen bis 1936
4500Beschäftigte in Arbon 1962/63
170+Jahre Firmengeschichte
14 Kapitel · Lesezeit ca. 20 Minuten

Handstickmaschinen – Fundament des Erfolges1869 verlässt die erste Handstickmaschine die Werkstatt – der Beginn des Aufstiegs.
Kreidezeichnung einer Altstadtgasse in Arbon, in der Tiefe das ehemalige Saurer-Wohnhaus
Im alten Arbon – in der Tiefe der Gasse das ehemalige Saurersche Wohnhaus · Leonhard Meisser

„Das Saurersche Etablissement erfreut sich gegenwärtig einer ganz besonderen Blüthe“, hält die Arboner Stadtbehörde im Dezember 1870 in einem Schreiben fest. Ein Jahr zuvor verlässt die erste Handstickmaschine mit einer Sticklänge von 3½ Stab (4,2 Meter) die Werkstatt. Solides Wachstum bei kalkulierter Risikobereitschaft kennzeichnet die folgenden Jahrzehnte. 1870 finden bei Saurer 242 Mitarbeiter ihr Auskommen. Und es ist wohl kein Zufall, dass die Bürgerversammlung der Familie 1875 einstimmig und unentgeltlich das Bürgerrecht verleiht, äusseres Zeichen der engen Verbundenheit Arbons mit drei Generationen Saurer.

Der Erfolg beflügelt. Investitionen in neue Werkstätten verbessern die Lieferbereitschaft in den Jahren des stürmischen Wachstums der Stickereiindustrie. Von der zentralen Dampfmaschine mit Hochkamin sorgen seit 1875 Transmissionsanlagen für den Betrieb der maschinellen Arbeitsplätze.

Neukonstruktionen erweitern den Kundenkreis in der Nordostschweiz und im benachbarten Vorarlberg. Russland, Frankreich, England und die USA werden wichtige Exportländer. Allein in Arbon laufen 1876 in 53 Unternehmen mehrere hundert Stickmaschinen, von zahlreichen Einmannbetrieben bis zu den Fabriken mit über 120 Beschäftigten. In den firmeneigenen Stickereien in Arbon, Marbach und Straubenzell SG prüft man laufend technische Verbesserungen, die den Kunden gleich in der Praxis vorgeführt werden können.

Nach wie vor bleibt die von Franz Saurer 1853 gegründete und mehrmals erweiterte Giesserei für Kundenaufträge und den Eigenbedarf ein wichtiger Betriebszweig und die Jacquard-, Spuhl- und Lisagemaschinen des ehemaligen Unternehmens von Saurers Gattin Pauline Stoffel-Frei sind weiterhin gefragt.

Ein Quantensprung – die SchifflistickmaschineMit der Schifflistickmaschine wird Saurer zum grössten Industriebetrieb im Thurgau.

Die Festschrift und Chronik zum 70. Geburtstag Adolph Saurers bezeichnet 1878 als „ein für unsere Firma hochbedeutsames Jahr.“[1] Die erste 4½ Yard Schifflistickmaschine wird ausgeliefert.

„Das Jahr 1878 war für unsere Firma, wenn vielleicht auch noch unbewusst, ein hochbedeutsames Jahr.“Festschrift «Adolph Saurer 1841–1911», 1911

Ihre neuartige Konstruktion erlaubt die Herstellung anspruchsvoller Stickmuster sowie eine wesentlich höhere Leistung. In kurzen Zeitabständen bietet Saurer neue Modelle an und wird zum führenden Schweizer Stickmaschinen-Hersteller. Bereits 1883 verlassen fast 800 Stickmaschinen in einem einzigen Jahr das Werk; das Unternehmen steht damit mit Abstand an der Spitze. Den Rang als grösster Industriebetrieb im Kanton Thurgau wird Saurer ein volles Jahrhundert halten.

Parallel zu den laufenden Verbesserungen bei den Schifflistickmaschinen sorgen Fädelmaschinen für eine markante Leistungssteigerung der Handstickmaschinen. Sie ersetzen das Einfädeln von Hand, eine mühsame, vorwiegend von „Fädelkindern“ verrichtete Arbeit. Die Nachfrage nach Handstickmaschinen bleibt damit weiterhin während Jahren gesichert und die Fertigung von Fädelmaschinen ergänzt Saurers wachsendes Produkteangebot. Hinzu kommen verschiedene Hilfsapparate: Stüpfelmaschine, Tüchli-, Monogramm-, Kreisfeston- und Soutacheapparat. Sie alle ermöglichen die Anfertigung spezieller Stickereiartikel.

Ein eindrückliches Beispiel weitsichtigen Erfindergeistes: 1987, anlässlich der Patentanmeldung für einen neuen Fadenwechsler, stellen die Ingenieure verblüfft fest, dass für die wichtigsten Teile des Apparates bereits 1915 eine Patentvergabe erfolgte.

Weniger Erfolg ist der mit grossem Aufwand entwickelten Doppel-Dampfstickmaschine beschieden.

Um die Jahrhundertwende vergeht kaum ein Jahr ohne neu entwickelte Schifflistickmaschinen. Der 6 ¾ Yard – folgt die erste 10 Yard Maschine, kurze Zeit später mit 15 Yard oder 13,72 Metern Sticklänge die bisher grösste Stickmaschine. Saurer behauptet seinen führenden Platz gegen die vor allem aus Sachsen wachsende Konkurrenz. Die Belegschaft im Stammhaus Arbon wächst auf 1733 Beschäftigte (1906/07).

Von Adolph zu HippolytZwei Patrons prägen das Unternehmen – der populäre Vater und der stille Erfinder.
Bildnis von Adolph Saurer, AquatintaBildnis von Hippolyt Saurer, Aquatinta
Adolph Saurer (1841–1920) und Hippolyt Saurer (1878–1936) · Paul Stöckli

Adolph Saurer (1841-1920), nach dem Tod seines Bruders Emil (1896) seit 1897 Alleinbesitzer des landesweit grössten Betriebes in dieser Rechtsform, ist gleichzeitig Unternehmer, technischer Leiter, Personalchef, Verkaufsdirektor und Sozialfürsorger. Die Anonymität einer Aktiengesellschaft ist ihm fremd. Begeistert schildert Johann Georg Birnstiel, evangelischer Pfarrer von 1888-1897, den Arboner Alltag und das Verhältnis des Patrons zu seiner Heimatstadt:

„…denn da waren nicht nur die Fabriklein und die an die Häuser angebauten Sticklokale, in denen fleissige Arbeiter über den Pantograph sich bückten, Maschinen rasselten und die Fädlerinnen ihre Liedlein sangen; in respektgebietender Grösse erstanden die Maschinenfabriken samt den ihnen zudienenden Werkstätten, die alle unternehmenslustig im Dienst des nämlichen Erwerbszweigs standen und ihre feinmontierten, kunstvollen Stickstühle in die ganze Ostschweiz und ins Ausland sandten.

Ich habe die grossartige Bau- und Entwicklungsperiode, da das Städtchen die letzte Naht seines alten Gewandes sprengte und einen fast grosstädtischen Mantel um sich warf, nicht miterlebt, aber auch ich horchte erstaunt auf das Summen, Klirren, Rasseln und Kesseln einer glückhaften, eroberungstüchtigen Industrie, sah die Arbeiterscharen, aus deren Mitte herauf tüchtige Köpfe und willensstarke Männer zu Wohlstand und Ansehen stiegen, sah und kannte Leichtfüsse, die zu nichts kamen, und Sparer, die von Stufe zu Stufe stiegen, bis sie im Besitz ihres Eigenheims oder ihrer eigenen Werkstatt waren.

Auch die Monteure und Werkmeister, die Maschinentechniker höheren Ranges, die Prinzipale der verschiedenen Firmen kannte ich und freute mich immer wieder des Grössten unter ihnen, der – ein Bild männlicher Kraft und Schönheit – einherschritt wie ein kaiserlicher Hohenstaufe, und der, ob ihm auch die Krone fehlte, doch der Adelszeichen genug in seinem ganzen Wesen und Gehaben hatte… Sein Bild lebt in den Herzen Vieler, und wenn einmal die Letzten nicht mehr sind, die ihn persönlich kannten, so wird doch sein Name als der eines ungewöhnlichen Schaffers, eines ritterlichen Charakters, eines väterlichen Freundes seiner Arbeiter und eines Förderers des Gemeinwesens im Ehrenbuch der Stadt geschrieben bleiben.“[2]

1920 stirbt Adolph Saurer, dem noch wenige Jahre zuvor der Titel eines Ehrendoktors der ETH Zürich verliehen wurde. Die Anteilnahme aller Bevölkerungskreise ist überwältigend.

1903 tritt Adolph Saurers einziger Sohn Hippolyt (1878-1936) ins Unternehmen ein. Bereits während des Ingenieurstudiums an der ETH Zürich entwickelt er eine Pantographen-Stickmaschine. Sein genialer Erfindergeist beschert Saurer in den kommenden Jahrzehnten technische Errungenschaften von Weltruf und beträchtliche Einnahmen aus Lizenzverträgen in aller Welt. Dabei sind die Jahre seines Wirkens an der Unternehmensspitze wohl die schwierigsten im turbulenten 20. Jahrhundert. Der erste Weltkrieg, der Niedergang der Stickerei, Weltwirtschaftskrise und die Angst vor einem neuen Krieg sowie die zunehmenden Auseinandersetzungen mit der mittlerweile organisierten Arbeiterschaft kennzeichnen das Auf und Ab in immer kürzeren Zeitabständen. Hippolyts unermüdlicher Einsatz in der Entwicklung des Lastautos und später der Webmaschinen sichert Saurer das Überleben. Umso empfindlicher bleibt die Lücke, die 1936 sein unerwarteter Hinschied hinterlässt. Im Schatten seines populären Vaters tritt Hippolyts Persönlichkeit weit weniger sichtbar in Erscheinung. Seine Welt ist die Fabrik, die Pflege der Partner und Kunden in aller Welt, die unermüdliche Entwicklung technischer Ideen. Schon früh macht sich eine tückische Krankheit bemerkbar, ein hemmender Begleiter durch sein ganzes Leben. Erholung sucht der als liebenswürdiger Gentleman geschilderte Patron vor allem im feudalen Heim auf Schloss Eugensberg am Untersee.

Krisen, Konkurrenz und StreitereienBörsenkrach, Konkurrenz aus Sachsen und Prozesse um Patente.

War bereits der Wiener Börsenkrach (1873) und die damit verbundene kurze Stickereikrise ein erstes Alarmzeichen, so folgt dem anhaltenden Aufschwung nach 1885 ein vorübergehender Einbruch im Stickmaschinengeschäft. Ihren Höhepunkt erreicht die Stickerei in den Jahren um 1900. Erneute kurzfristige Konjunktureinbrüche folgen 1904 und 1908. Der erste Weltkrieg und die Jahre nach 1920 läuten schliesslich den eigentlichen Zusammenbruch der Stickereiindustrie in der Ostschweiz ein. Mit den Modelaunen und der besonderen Krisenanfälligkeit der Textilbranche aufs Engste verbunden, leidet Saurer jeweils postwendend unter den empfindlichen Konjunkturschwankungen. Hinzu kommt der wachsende Konkurrenzdruck weiterer Anbieter im In- und Ausland. Vor allem der technische Vorsprung der Stickereimaschinen aus Sachsen macht Saurer während einiger Zeit zu schaffen. Bei der Konstruktion von immer häufiger eingesetzten automatischen Stickmaschinen ist die deutsche Konkurrenz zunächst eine Nasenlänge voraus. Rivalitäten um Patente und ihre Verwertung führen mehrmals zu Prozessen wegen Patentrechtsverletzungen.

Mit der Serienreife eines eigenen Stickautomaten, „mit welchem dem ganzen Werke der Firma Adolph Saurer auf dem Gebiete des Stickmaschinen-Baues die Krone aufgesetzt werde“, gelingt es 1912, den ersten Platz unter den Herstellern weiterhin zu behaupten. Von damals 14 Mitbewerbern in der Schweiz bleibt Saurer nach 1920 als einziger weiterhin auf dem Markt.

Saurer, seine Arbeiter und die GemeindeEine Schicksalsgemeinschaft: Geht es Saurer gut, geht es Arbon gut.
Farbige Kreidezeichnung: Arbeiter in der Saurer-Giesserei
In der Giesserei (1953) · Rudolf Mumprecht

Ursache des in anderen Kapiteln beschriebenen stürmischen Wachstums der Industriestadt um die Jahrhundertwende sind mit Saurer und Heine die beiden Grossbetriebe von Weltrang. Während bei Heine nach wenigen Jahren rapiden Aufschwungs der jähe Niedergang folgt, zeichnet sich Saurer durch anhaltendes Wachstum aus. Eine eigentliche Schicksalsgemeinschaft prägt das Ortsbild und die Gesellschaft Arbons bis in die Gegenwart. Geht es Saurer gut, so profitiert auch das Gemeinwesen in allen Belangen und umgekehrt. Saurer bleibt während Jahrzehnten der mit Abstand grösste Steuerzahler und noch 1953 arbeiten von den 4300 Arboner Steuerpflichtigen mehr als 3000 bei Saurer.

Die Verbundenheit der Industriepioniere mit ihrer Standortgemeinde zeigt sich in ihrem ideellen und finanziellen Engagement für öffentliche Belange. Projekte, die der Verschönerung der Stadt dienen, Bauvorhaben der Schule und der Kirche sowie die Vereine finden bei ihnen stets eine offene Hand. Dabei stellen sich die Fabrikanten auch für öffentliche Ämter und in Vereinsvorständen zur Verfügung. Die Mitglieder der Stadtregierung unter dem den Arbeiterkreisen nahe stehenden Gemeindeammann Karl Günther sind fast ausnahmslos Unternehmer. Adolph Saurer gehört zum Gründungsvorstand des Handwerker- und Gewerbevereins, dem jungen Aktienbauverein steht er von 1902 bis zu seinem Hinschied als Präsident vor. Seine Gattin Hedwig Saurer-Hauser ist während vier Jahrzehnten Präsidentin des zunächst privaten Kindergartens. Namhafte Vermächtnisse an werkeigene und öffentliche soziale Institutionen halten die Erinnerung an Vater Franz und an die früh verstorbenen Brüder Adolphs wach.

Adolph Saurer vermacht testamentarisch fünfstellige Beträge an 23 Arboner Vereine, an seine Heimatgemeinde Sigmaringen, an die Gemeinde St. Georgen sowie Fr. 100’000 an die Fabrikkrankenkasse. Mit Fr. 2’500’000 dotiert er die „Pensionskasse für Angestellte und langjährige Mitarbeiter“. Der Krankenkasse und dem Grippespital (1918) schenkt er schon früher Fr. 150’000.

Bei den in kurzen Zeitabständen eintretenden Konjunkturschwankungen bleiben Spannungen zwischen dem Patron als Arbeitgeber und seiner Belegschaft nicht aus. Kurzfristige Entlassungen und Wiedereinstellungen von hunderten von Arbeitern sowie Kurzarbeit lösen einander ab. Ein paar Kennzahlen über die Beschäftigtenzahl im Stammhaus Arbon sprechen die deutlichste Sprache:

Jahr Beschäftigte
1906/07 1733
1908 942
1911/12 2084
1921/22 978
1929 2001
1933 1532
1939 2670

Die verunsicherte Arbeiterschaft beginnt sich zu organisieren und zu wehren. In der Thurgauer Arbeiterzeitung hat sie seit 1912 ihr eigenes Sprachrohr. Wenn auch weniger oft als bei Heine oder im Baugewerbe, auch bei Saurer wird mehrmals gestreikt. Besonders aktionsfreudig treten die selbstbewussten Giesser auf, hängt doch von ihrer Leistung der gesamte Betrieb ab. Und sie wissen um das besondere Wohlwollen, das ihnen Adolph Saurer als gelernter Giesser entgegenbringt. So erwirken sie 1897 mit ihrem ersten Streik im Einvernehmen mit dem Patron prompt markante Lohnerhöhungen sowie die Gründung der Arbeiterkommission (nachmals Betriebskommission).

Die grösste Sorge der Arbeiterfamilien und oft Hauptgrund ihrer berechtigten Unzufriedenheit ist die anhaltende Wohnungsnot. Während mehrere Fabrikanten allmählich Wohnquartiere für ihre Arbeiter bauen, kauft Adolph Saurer zahlreiche bestehende Häuser in der Altstadt, deren renovierte Wohnungen er seinen Leuten zur Verfügung stellt.

Stichworte zur BaugeschichteGebaut wird nach Augenmass – vom Altstadtwerk zum Werk 2 westlich der Bahn.
Aquarell: Eingangshof zum Werk I mit Bürogebäude und Schloss Arbon
Eingangshof zum Werk I mit Schlosspartie (1953) · Victor Surbek

Im 19. Jahrhundert genügt das ehemals Stoffel’sche Grundstück für die laufend nötigen Betriebsneubauten und deren Erweiterungen. Nachher ist jedoch keine Ausdehnung mehr möglich. Verschiedene Werkstätten und Lagerräume an der Frieden- und Brühlstrasse, im heutigen Stadthaus und im 1911 erworbenen Schloss bleiben lediglich Übergangslösungen. Die 1898 gekaufte Schlosswiese, die noch mit einer Uferaufschüttung erweitert wird, schafft ein letztes Baugrundstück im als Werk 1 bezeichneten Altstadtgebiet.

Saurer sichert sich jedoch frühzeitig genügend Landreserven. Westlich der Bahnlinie stehen mit der Zeit insgesamt ca. 242’000 m² , davon 61’000 m² auf Steinacher Gemeindeboden als zukünftiges Bauland bereit. Erster und markantester Fabrikneubau ist die 1905 erstellte neue Giesserei. Weitsichtig und unabhängig von Konjunkturschwankungen folgen im neuen Werk 2 laufend weitere Werkhallen.

Noch sind einschneidende Baureglemente und verbindliche Zonenpläne nahezu unbekannt, entsprechend unbekümmert wird gebaut. Ein Chronist berichtet: „Die definitiven Entschliessungen und Angaben wurden meistens auf dem Bauplatz selbst aufgegeben, die räumlichen Distanzen nach den wohl abgemessenen Schritten des bauleitenden Bauherrn und die Konstruktionen der Hochbauten nach dessen bewährtem Augenmass zurechtgelegt. Tragfähigkeitstabellen und andere an bautechnische Wissenschaft grenzende Beilagen wurden nicht benötigt, ergaben dieselben doch immer Werte, deren man sich zum rasch und billig Bauen nicht bedienen konnte.“ Und 1911 hält die Jubiläumsschrift fest:

„Ein modernes Fabrikleben kennt keine Pietät vor den lieb gewonnenen Erinnerungszeichen früherer Zeiten.“Festschrift «Adolph Saurer 1841–1911», 1911

Der Lastwagen – die wichtigste WeichenstellungVom Petrolmotor zum Lastwagen, der in 43 Länder geliefert wird.
Tempera: Lastwagen-Chassismontage in der Saurer-Werkhalle
Chassismontage (1953) · Rudolf Mumprecht

Um nicht allein von Stickmaschinen abhängig zu werden, sieht sich Adolph Saurer beizeiten nach weiteren Erfolg versprechenden Produkten um. Ab 1888 baut Saurer Petrolmotoren; daraus gehen später Benzin- und schliesslich Dieselmotoren hervor. Die Gewinne aus dem Stickmaschinengeschäft gestatten den Aufbau einer Motoren-Forschungsabteilung, die nach 1903 unter der Leitung Hippolyts mit weiteren hervorragenden Fachleuten ergänzt wird. Saurer-Motoren finden zunächst als stationäre Energiequellen für verschiedenste Zwecke, auf Transportschiffen – 1893 entsteht ein erstes Motor-Lastschiff – und in Luxus- und Rennbooten ihre Kundschaft. Nachdem nach 1896 die Firma Koch in Paris zwei Dutzend Automobile mit Motoren von Saurer ausrüstet, konzentriert man sich auf die Entwicklung von Strassenfahrzeugen.

Um 1898 entsteht ein erster Saurer-Personenwagen, ein Doppel-Phaëton. Insgesamt werden in den folgenden Jahren 96 Tourenwagen vollumfänglich in Arbon gefertigt. Bei Testfahrten erreichen sie knapp 100 km/h.

Der eigentliche Durchbruch gelingt Hippolyt Saurer 1903 mit dem Lastwagenbau. Die ersten zwei Prototypen für 5 Tonnen Nutzlast bleiben wegen des hohen Eigengewichtes und ihrer Trägheit noch unverkäuflich. In rascher Folge erobern nun Wagen für 2½, 3, 3,5 und 4 Tonnen den Markt. Der politische Widerstand der Kantone setzt dem Verkauf schwererer Modelle zunächst Grenzen. So bleibt im Kanton Graubünden das Lastwagenverbot bis 1925 in Kraft.

Wegweisende Erfindungen Hippolyts verbessern laufend Qualität, Wirtschaftlichkeit und Lebensdauer der Nutzfahrzeuge: Motorbremse, Pressluftanlasser, der Zweidüsen-Vergaser mit Drosselklappe, später die Direkt-Einspritzung und Doppelwirbelung beim Dieselmotor.

Spezialfahrzeuge erweitern den Kundenkreis im In- und Ausland: Kurswagen für städtische Verkehrsbetriebe, Feuerlöschwagen, der legendäre Car Alpin, Motorwagen für den Schienenverkehr, Kipper, Lastwagen für verschiedenste Spezialeinsätze, Gelenkbusse. Zwischen 1904 und 1936 finden Saurer Nutzfahrzeuge in 43 Ländern aller Erdteile ihre Abnehmer. Auf Langstrecken- und Wettfahrten machen sie regelmässig mit Spitzenplätzen auf sich aufmerksam.

Bereits im ersten Weltkrieg im Inland und auf verschiedenen Kriegsschauplätzen im Einsatz, sorgen Fahrzeuge im Dienste der Armee für regelmässige Aufträge. Die Saurer-Lastwagenfabrik in Suresnes bei Paris geht auf das Jahr 1909 zurück, das eigene kleine Werk in Lindau und MAN-Saurer in Nürnberg beliefern das Deutsche Reich. Saurer Wien bedient die österreichischen k.u.k. Streitkräfte. Die Lastwagenfertigung in den USA sowie Niederlassungen in Moskau und St. Petersburg bleiben Episoden von kurzer Dauer. Dank der Kriegslieferungen wächst der Anteil der Lastwagen schon im ersten Kriegsjahr auf 77% des Konzernumsatzes. Im Werk Arbon herrscht, soweit es der Import von Rohstoffen während der Kriegsjahre zulässt, Vollbeschäftigung. In der Schweizer Armee geniesst Saurer später während Jahrzehnten nahezu eine Monopolstellung.

Lastwagen werden zu allen Zeiten ausschliesslich auf Bestellung gebaut und die individuellen Wünsche der Kunden stets weitgehend berücksichtigt. Die damit verbundenen langen Lieferfristen und hohen Preise sind nach 1970 mit verantwortlich für die 1982 beschlossene Stilllegung der Nutzfahrzeugherstellung. Saurer vermag mit den Serienfabrikaten der grossen ausländischen Anbieter nicht mehr mitzuhalten. Verschiedene Hinweise Hippolyts in den 30er Jahren, für das Überleben der Saurer Lastwagen eine enge Partnerschaft mit einem der grossen europäischen Hersteller anzustreben, finden bei seinen Nachfolgern kein Verständnis.

Schwierige 30er JahreWeltwirtschaftskrise, erste Verluste und der Streit um das Bedaux-System.
Farbige Kreidezeichnung: Konstrukteure am Zeichentisch im Saurer-Konstruktionsbureau
Im Konstruktionsbureau (1953) · Heinrich Binder

Der New Yorker Börsenkrach im Oktober 1929 stürzt die Wirtschaft weltweit in die empfindlichste Krise des Jahrhunderts. Die Staaten suchen ihre Binnenmärkte mit hohen Einfuhrzöllen zu schützen und da und dort aufkommendes nationalistisches Gedankengut heizt zusätzlichen Isolationismus an. Eine Erholung zeichnet sich erst nach der Frankenabwertung von 1936 ab und für die Wende ist ein Jahr später vor allem der erneute Rüstungswettlauf verantwortlich.

Die Textilindustrie liegt am Boden, der Bund zahlt sogar Subventionen für jede endgültig stillgelegte Stickmaschine. Weitsichtig nimmt Hippolyt Saurer trotzdem die Weiterentwicklung der Stickmaschinen wieder auf, erste Verkäufe erfolgen allerdings erst in den 50er Jahren. Seine Hauptsorge gilt der Zukunft der Nutzfahrzeuge. Und immer wieder erwähnt er in Notizen und Weisungen die Sorge um die Arbeitsplätze.

Einerseits schätzt er den Schweizer Markt generell als zu klein ein, andererseits genügen die Stückzahlen nicht, um mit den Preisen von Chevrolet, Ford, Fiat oder Citroën mithalten zu können. Die Anlehnung an ein grosses ausländisches Werk scheint ihm unumgänglich. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass in Zukunft nur wenige grosse Hersteller überleben werden.

Trotzdem werden keine Anstrengungen gescheut, im Ausland vermehrt Fuss zu fassen. Eine Niederlassung in Spanien entwickelt sich vielversprechend. Der Ausbruch des Bürgerkrieges hat jedoch 1936 ihre Stillegung zur Folge. Die Stadt Wilna/Polen bestellt 34 Omnibusse, für die Saurer gleichzeitig den ganzen Betrieb organisiert, weitere osteuropäische Städte folgen. Hier ist es der zweite Weltkrieg, der den Ausbau des osteuropäischen Nutzfahrzeugmarktes verhindert.

In den Jahren 1932-1935 muss Saurer erstmals Verluste hinnehmen. Man sieht sich gezwungen, auf der Kostenseite den Hebel anzusetzen, Entlassungen, Kurzarbeit und Lohnkürzungen sind die Folge. Ein neues Akkordsystem soll die Betriebsleistung steigern. Das nach seinem „Erfinder“ Bedaux genannte, bei den Arbeitern verhasste Verfahren führt zu heftigen Arbeitskonflikten. Neutrale Schiedsrichter werden beigezogen, Hippolyt selbst führt die wichtigen Verhandlungen, die bis zur Anrufung des Bundesgerichtes durch die Gewerkschaft eskalieren. Das Bedauxsystem wird beibehalten, die Arbeitsleistung in den betroffenen Abteilungen steigt prompt um 17%. Den Freitod eines jungen Arbeiters sieht die aufgebrachte Belegschaft wohl zu Recht im Zusammenhang mit dem wachsenden Leistungsdruck und dem daraus erfolgten Konflikt mit seinem direkten Vorgesetzten. Zu erwähnen bleibt dennoch, dass die Löhne bei Saurer zu allen Zeiten klar über denjenigen von vergleichbaren Unternehmen wie Berna-Olten (seit 1929 im Besitz von Saurer) und FBW-Wetzikon liegen. Das landesweite Friedensabkommen zwischen den Gewerkschaften und dem Arbeitgeberverband der Maschinen- und Metallbranche sorgt nach 1937 für stabilere gegenseitige Verhältnisse. Und Saurer gesteht der Arbeiterschaft als erstes schweizerisches Unternehmen einen hauptamtlichen Betriebskommissions-Präsidenten zu.

Mässiger Erfolg mit NischenproduktenFlugmotoren, Chrysler-Montage und Gewehre – Ideen mit kurzer Lebensdauer.
Aquarell: Dieselmotoren auf dem Motorenprüfstand bei Saurer
Motorenprüfstand (1953) · Roland Guignard

Unter der Leitung Hippolyts gelingt es den Konstrukteuren immer wieder, neue Produkte zu entwickeln, die, wenn auch nur während beschränkter Zeit, ihre Abnehmer finden. Schwere Dieselmotoren werden in Lokomotiven und Schienen-Triebwagen eingebaut. Ab 1934 montiert Saurer die in der Schweiz verkauften Chrysler-Personenwagen Dodge, De Soto und Plymouth. Einige werden sogar mit Saurer-Dieselmotoren ausgerüstet. Mit über 500 verkauften Flugzeugmotoren, die vor allem in den in Altenrhein gebauten, französischen Morane-Jagdflugzeugen Verwendung finden, scheint sich ein viel versprechender neuer Betriebszweig anzubahnen. Die Hinwendung der Flugwaffe zu Düsentriebwerken nach dem zweiten Weltkrieg bedeutet jedoch das Ende des Flugmotorenbaus. Verschiedenen beachtlichen Entwicklungen der weiterhin aktiven Wehrtechnik-Abteilung bleibt der gewinnbringende Durchbruch versagt.

Eine erfolglose Episode bleiben die Ordonnanzgewehre, für die Adolph Saurer dem Erfinder Hans Stamm eine Entwicklungsabteilung zugesteht. Ob das Gasdruck-Selbstladegewehr, das Repetiergewehr mit Geradezug-Verschluss (um 1910) oder das von Hippolyt entwickelte leichte Maschinengewehr, über die Fertigung von Nullserien kommen die Saurerwaffen nicht hinaus. Immerhin werden während des zweiten Weltkrieges die 150 Mann der betriebseigenen Werkschutztruppe damit ausgerüstet.

Eine Gratwanderung – die KriegsjahreRohstoffmangel, Lieferungen an beide Seiten und eine eigene Landwirtschaft.
Aquarell: Arbeiter in der Sandformerei der Saurer-Giesserei
Giesserei, Sandformerei (1953) · Roland Guignard

Die erste Generalmobilmachung vom 1. September 1939 ruft 400’000 Mann zu den Waffen. Für die Wirtschaft im Land bedeutet dies nahezu einen Stillstand auf Zeit, der sich im Mai 1940 wiederholt. Bei Saurer fehlt ein Drittel der Belegschaft. Die Rüstungsproduktion läuft auf Hochtouren. Weil die Armee 70% der privaten Lastwagen requiriert, werden von der Privatkundschaft vermehrt Fahrzeuge bestellt. Hinzu kommen geländegängige Wagen und Flugzeugmotoren für die Armee.

Der Rohstoffmangel wird bald zum grössten Problem. Liefervertäge mit den kriegsführenden Ländern hüben und drüben ermöglichen eine gewisse Linderung der Einfuhrhemmnisse. Die Schweiz ist von den Achsenmächten eingeschlossen. Saurer sucht notgedrungen geschäftliche Kontakte mit Nazideutschland und den von ihm eroberten Ländern. Das Stammhaus Arbon liefert fast ausschliesslich Gussteile für Lastwagen und Flugmotoren. Die von den Nazis beschlagnahmten Lastwagenfabriken in Suresnes und Wien stellen vollständig auf Rüstungsproduktion um. Auch ihnen liefert Saurer Einzelteile. Von den 1940 bis 1944 total 3235 in Arbon gefertigten Fahrzeugen gelangen deren 234 ins Ausland, 11 davon nach Deutschland.

Ernsthafte Sorgen bereitet die oft schleppende Überweisung offener Guthaben während der Kriegsjahre und manche Rechnung bleibt für immer unbezahlt. Die Lieferungen aus einem neutralen Staat an kriegsführende Länder ziehen zudem immer wieder Verhandlungen mit den Bundesbehörden nach sich und massive Drohungen der jeweiligen Kriegsgegner an die Adresse der Schweiz bleiben nicht aus.

Um die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln sicherzustellen, ruft der Bundesrat 1941 zu vermehrtem Ackerbau auf. Auf gepachteten Grundstücken betreibt Saurer mit seinen Arbeitern und Lehrlingen eine eigene Landwirtschaft. Getreide und Kartoffeln werden verbilligt an die Arbeiterfamilien abgegeben. Zudem vergibt die Firma kostenlos einige Hektaren Pachtland zum Gemüseanbau an Mitarbeiter. Mit diesen Massnahmen unterstützt sie wirkungsvoll die dringenden Aufgaben der Gemeinde.

Mit dem Ende des Weltkrieges beginnt für Saurer eine Zeit des Aufschwungs, der bis gegen 1970 nahezu ungebrochen bleibt.

Erfolg mit Webmaschinen – Mangel an Arbeitskräften – (zu) lange LieferfristenAufschwung nach dem Krieg: 1962/63 arbeiten 4500 Menschen bei Saurer in Arbon.
Kolorierte Tuschzeichnung: Montagehalle mit Webstühlen bei Saurer
Webstuhlmontage (1953) · Victor Surbek

Die Anfänge der Webmaschinenfertigung reichen weit zurück: 1899 erwirbt Saurer einen Bandwebstuhl aus England, ab etwa 1909 laufen eigene Versuche, und 1911 sind bereits 120 Bandwebstühle in Arbeit. Nach ersten Stoffwebstühlen (Typen 4W/5W, ab 1927) und enttäuschenden Versuchsperioden erlangt der Stoffwebstuhl mit dem Typ 100W um 1936/38 die Serienreife. Bereits gegen Kriegsende stellen sich hoffnungsvolle Verkäufe ein. Nach 1945 steigen die Umsätze kontinuierlich, wobei rund 80% der Maschinen ins Ausland, vor allem nach Lateinamerika, verkauft werden.

Auch die Stickmaschine erlebt eine eigentliche Renaissance. Dank Hippolyts weitsichtiger Weichenstellung in den 30er Jahren ist Saurer weltweit überhaupt der einzige Anbieter.

Immer mehr wird der Mangel an Facharbeitern zum Hauptproblem. Die Hochkonjunktur in den Nachkriegsjahren sowie eine trotz hoher Gewinne zurückhaltende Lohnpolitik erschweren die Rekrutierung von Arbeitskräften. Gastarbeiter aus Italien und Spanien müssen die Lücken füllen. Die Mitarbeiterzahl im Stammhaus Arbon erreicht 1962/63 mit 4500 Beschäftigten, davon ein Drittel Ausländer, ihren Höhepunkt.

Mit dem Erwerb ausländischer Textilmaschinen- und Zulieferfirmen sollen die viel zu langen Lieferfristen verkürzt und die Position auf dem Weltmarkt verstärkt werden: Diederichs in Bourgoin bei Lyon (Webmaschinen), Allma GmbH in Kempten/Allgäu (Zwirnmaschinen), Nussbaum & Co. in Langenfeld (BERNEX-Beschichtungen), Horeschy in Lustenau (Stickerei) sowie ein Montagewerk in Südafrika.

Von zwei regionalen Unternehmen, Leumann-Boesch/Kronbühl und Karl Müller AG/Roggwil, trennt sich Saurer nach kurzer Zeit wieder.

Schleichender NiedergangDas Ende der Lastwagen 1982 und der Webmaschinen 1986.
Kolorierte Zeichnung des Saurer-Werks II am Bahnhof Arbon aus der Vogelschau
Werk II am Bahnhof, Arbon (1953) · Eugen Jordi

Mit dem Abbau der Import-Zollhemmnisse nach der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, 1957) wird unser Land zum eigentlichen Testmarkt für ausländische Lastwagenhersteller. Die günstigeren Preise der Konkurrenz machen Saurer immer mehr zu schaffen. Verhandlungen mit Fiat, Daimler-Benz und Iveco über eine enge Zusammenarbeit bleiben erfolglos. Die Stückzahlen stagnieren. Exporte in verschiedene Schwellenländer bringen hohe Verluste. Der Erdölkrise von 1973/74 folgt eine erste Entlassungswelle. Der Druck innovativer Konkurrenten schafft auch bei den Webmaschinen zunehmend Sorgen. Immer kurzfristiger folgen Personalwechsel in Direktion und Kader. Der Geschäftsabschluss 1976 läutet mit dem seit Jahrzehnten erstmaligen Verlust von rund 17 Millionen weitere schlimme Jahre ein.

1981 übernimmt die Firma von Roll alle Aktivitäten der ehemals stolzen Giesserei. Ein Jahr später, 1982, wird die Stilllegung der Nutzfahrzeugfertigung beschlossen. Die gleichzeitige Gründung eines Lastwagen-Montagewerkes (Nutzfahrzeuggesellschaft Arbon & Wetzikon AG, NAW) unter der Federführung von Daimler Benz sowie der Dereco AG (Motorenentwicklung für Iveco) in Arbon kann Massenentlassungen nicht verhindern. Immerhin gelten die Sozialpläne für die Entlassenen als mustergültig.

1986 folgt mit der Ankündigung, die Webmaschinenproduktion einzustellen, eine weitere Hiobsbotschaft, die noch weit mehr Fragen aufwirft. Stichworte aus der verwaltungsrätlichen „Lagebeurteilung“: „Zunehmende Anzahl mechanischer Probleme, Verkaufspreise unter Selbstkosten, Image stark angeschlagen, Bestellungseingang zusammengebrochen, Ausstieg aus dem Webmaschinengeschäft.“ In der Industriestadt herrscht eine gedrückte Stimmung. Die Tatsache, dass die immer mehr aufkommende globale Ausrichtung grosser Unternehmen zahlreichen weiteren Betrieben im Land vergleichbare Strukturprobleme bereitet, ist für die Betroffenen und die Arboner Bevölkerung kein Trost. Mit Saurer gerät auch die Stadt Arbon in eine tiefe Strukturkrise. Eine Zukunft ohne den seit Generationen zuverlässigen Arbeitgeber zeichnet sich ab.

Aufbruch zu neuen UfernTito Tettamanti bewahrt Saurer vor dem Konkurs – Neuausrichtung als Technologiekonzern.

Die 1988 erfolgte Übernahme Saurers durch den Tessiner Financier Tito Tettamanti ist vermutlich die Rettung vor dem drohenden Konkurs. Sein weltweites Netzwerk zu Investoren verschafft Saurer gewaltige Kapitalsummen, die er für verschiedenste Firmenkäufe verwendet. Zum Teil werden sie später wieder ausgegliedert. Schlafhorst/Mönchengladbach (Rotor-Spinnmaschinen und Spulautomaten), Hamel/Arbon und Volkmann/Krefeld (Zwirnmaschinen) sowie Graziano Trasmissioni/Italien (Antriebstechnik) ermöglichen die Neuorientierung in die Zukunft. 1996 zieht sich Tettamanti, dessen Finanzgeschäfte erheblich zu den Erträgen in diesen Jahren des Umbruchs beitragen, vollständig von Saurer zurück.

Nach der Jahrtausendwende präsentiert sich Saurer als eine Publikumsgesellschaft ohne dominierende Grossaktionäre. Mit neuen Strategien scheint der Wandel zum global tätigen, erfolgreichen Technologiekonzern geglückt. Nach der Trennung von den in der Oberflächentechnologie tätigen Firmen um Berna/Olten konzentriert sich Saurer mit weltweit über 9000 Beschäftigten auf die Bereiche Textilmaschinen und Antriebstechnik.

Die Produktionsstätten stehen allerdings in China, Singapur, USA, Italien und Deutschland. In Arbon bleiben zunächst die Saurer-Stickmaschinen und Hamel übrig. Hamel gibt es heute nicht mehr; an die Firma erinnert noch das Hamel-Gebäude beim Webschiffkreisel. Geblieben sind auch leere Fabrikhallen und Grundstücke, die lange auf eine sinnvolle zukünftige Nutzung warten.

Saurer im 21. JahrhundertOerlikon, Jinsheng, Rieter – und die Stickmaschinen bei der Lässer AG.

Im Jahr 2000 übernimmt Saurer die deutschen Chemiefaser-Maschinenhersteller Barmag und Neumag und wird damit zu einem der grössten Textilmaschinenkonzerne der Welt. 2007 gelangt die Saurer-Gruppe unter die Kontrolle der OC Oerlikon und wird deren Textilsegment; der Name Saurer verschwindet vorübergehend aus dem Firmenregister.

2013 verkauft Oerlikon den Textilbereich (ohne Chemiefaser) an die chinesische Jinsheng-Gruppe. Das Unternehmen tritt wieder unter dem Namen Saurer auf; 2017 wird die Saurer Intelligent Technology an der Börse in Shanghai kotiert. 2021 kündigt Rieter die Übernahme von Geschäftsbereichen der Saurer-Gruppe an: Per 1. Dezember 2021 gehen die Komponentenhersteller Accotex und Temco an Rieter, per 1. April 2022 die Spulmaschinen (Schlafhorst).

2022 übernimmt die Lässer AG in Diepoldsau das Geschäft mit Saurer-Stickmaschinen und führt damit die über 150-jährige Stickmaschinen-Tradition aus Arbon weiter.

Geblieben ist die dankbare Erinnerung Vieler an Generationen von Arbonerinnen und Arbonern, die als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf allen Stufen diese Firmengeschichte durch Höhen und Tiefen überhaupt ermöglicht haben.

Die Firmengeschichte in Zahlen und chronologisch geordnet finden Sie hier: Chronologie.


Quellen

  1. Festschrift zum 70. Geburtstag von Adolph Saurer, 1911 ↩
  2. Johann Georg Birnstiel, Unterm grünen Baum, 1927 ↩
  3. Willi Schädler, Die Geschichte der Maschinenfabrik Saurer in Arbon, 1955
  4. Kurt Bünzli, Arbon vor dem ersten Weltkrieg, 1987
  5. Markus Mäder, Drei Generationen Saurer, 1988
  6. Saurer Sticksysteme AG, 125 Jahre Stickmaschinen, 1994
  7. Charlotte Jacquemart, Die Strukturbrüche in der Adolph Saurer AG in den 30er und 70er Jahren, 1997
  8. Hans Ulrich Wipf, Mario König, Adrian Knoepfli, Saurer. Vom Ostschweizer Kleinbetrieb zum internationalen Technologiekonzern, 2003
  9. Hans Geisser, Geschichten erzählen Geschichte – Ein Streifzug durch Arbons Vergangenheit, Hrsg. Museumsgesellschaft Arbon, 2005
  10. Hans Geisser, Schatten über der Stadt am See – Arboner Alltag in Krise und Krieg 1930–1945, Hrsg. Museumsgesellschaft Arbon, 2010
  11. Archiv Historisches Museum Schloss Arbon, Familiendossiers Franz, Adolph, Hippolyt Saurer, Betriebsstatistiken und -Kennzahlen, Verkaufs-Protokollbücher
  12. Nachlass A. Kunkel
  13. Saurer Museum Arbon, Saurer-Chronologie mit Fundstellen (geprüft, Stand 9.10.2026)
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