Thomas Raymann

Lageristenlehre 1988–1992

Ich war 1988 nach der damals obligaten Eintrittsprüfung der letzte Lehrling, der noch einen Adolph-Saurer-Lehrvertrag für das Ersatzteillager am See unterschrieben hat.

Der Vertrag wurde dann innerhalb des ersten Lehrjahres auf Saurer Nutzfahrzeuge abgeändert und ich musste meinen Arbeitsort vom See wechseln, zur Saurer Nutzfahrzeuge AG, gegenüber dem Arboner Bahnhof.

Als Kind erinnerte man sich in den 1970er/80er Jahren noch an die tausenden Saurer-Mitarbeiter, die in und aus den Werken strömten. 1989 waren es nur noch wenige Dutzend. Arbon kollabierte langsam mit dem Wegzug der Familien auf Suche nach Arbeit.

Man erinnert sich sicher noch an das Arboner Spielwaren-Geschäft Leo, das als eines der ersten einging. Der Inhaber wechselte dann asymmetrisch zur Saurer-Buchhaltung und verschwand dann kurz darauf mit einem grossen Batzen aus der Saurer-Kasse nach Italien und wurde nie mehr gesehen. Aus seiner Sicht den Verursacher seiner Not in die Verantwortung gezogen …! Ironie des Lebens.

1989 lernte ich in der Werkstatt der Saurer Nutzfahrzeuge AG noch die letzten echten Saurer-Männer kennen. Echte Büetzer und „knallharti Sieche“. Gibt es heute nicht mehr.

Werkstattkultur und Abschiede

Gleich in den ersten Wochen der Lehre ging ein älterer Herr nach über 40 Jahren bei Saurer in Pension. In der Werkstatt scharten sich die Mechaniker um den Alten, man schenkte einen Grill mit Fleischkorb dazu, es gab die sprichwörtliche goldene Saurer-Uhr. Der alte Herr schwärmte nochmals von jungen Tagen, auch von Besuchen bei Saurer London 1950er, wo er immer noch von den topmodernen und führenden Saurer-Entwicklungen für den angelsächsischen Raum schwärmte. Wir jungen Frischlinge kannten das alte weltweite Saurer-Netz schon nicht mehr. Man konnte das alte Firmenimperium nur erahnen. Wir waren damals in der letzten Phase des Untergangs und wussten das. Dann flossen beim alten Herren die Tränen.

Das Arbeitsleben, das man liebte und kannte, war nun offiziell vorbei. Er wollte nicht weg. Denke oft daran zurück, heute rettet sich jeder schnellstmöglich aus der menschenverachtenden Globalisierung in den Ruhestand. Mit den Unternehmen verbindet die Leute ausser dem Geld nichts mehr. Die Jungen sind nach 2 Jahren wieder weg und jagen dem nächsten höheren Gehalt hinterher. Für die Firma ist man heute nur eine anonyme Kostenstelle.

Bei dieser Werkstatt-Pensionierung im Kreis der Saurer-Mechaniker 1989 war jeder noch wer, oft lebenslange Profis auf ihrem Gebiet. Das Kollektiv eine eingeschworene Gemeinschaft, fast Familie. Ein Leben ausserhalb Saurer oder was mit der Globalisierung noch kommen sollte war undenkbar. Es waren noch heile Tage voller ehrlicher Knochenarbeit. Männer, die sich zum Wohl der Firma Saurer aufopferten und das als selbstverständlich sahen.

Werkstatt-Alltag

Eugen Frei, der Werkstattchef der Nutzfahrzeuge, bleibt mir in Erinnerung. Er orchestrierte die Mechaniker, den ständigen Strom an Fahrzeugen und die speziellen Kundenwünsche.

Dann gab es noch Jack Germann, Spezialist für das Honen von Lastwagen-Zylindern. Er machte den ganzen Tag nichts anderes. Er fuhr mit dem Moped in die Werkstatt und parkierte gleich neben seiner Hon-Maschine. Oft ein Karton Bierflaschen hinten auf dem Gepäckträger des Töffli. Er machte eine schweisstreibende Arbeit. Einen Fahrausweis für Auto oder LKW hatte er nie gemacht, reparierte aber die grössten Fahrzeuge auf der Strasse.

In der Werkzeugausgabe arbeitete der Appenzeller Niederer. Der holte auch mal ein leeres Ölfass aus dem Lager, legte einen Grill darauf und dann gab es heissen Fleischkäse in der Werkstatt. In der Nacht wachte man dann auf, mit lauter kratzigen grünen Punkten auf der Haut, vermutlich eine Reaktion auf das Restöl, das im Fass mitverbrannte beim Grillen … en Guete!

„Hurrä Satan“

Die Appenzeller Mechaniker Enzler und Koch arbeiteten oft zusammen. Bei ihnen hiess jeder Chlapf, der reinkam: „Hurrä Satan!“ Den galt es zu bodigen!

An einem Abend kam Transporteur und Hauptkunde Mick Farner mit dem Stumpen in die Werkstatt, um einen brandneuen Drei-Achser Mercedes-LKW abzuholen. Farner lief einmal um den neuen Chlapf und schüttelte den Kopf. Werkstattchef Geni Frei eilte herbei, um zu erfahren, was nicht stimmte. „Will gliich kein drüüachser! Passt mer nöd. Will en Vierachser! Chum en morn goh hole!“

Der Kunde hatte gesprochen. Geni kommandierte sofort Koch und Enzler herbei zur Befehlsausgabe. Im Ersatzteillager holte man die nötigen Zeichnungen und fuhr dann zur NAW, wo man alle Mercedes-Teile ausfasste. Um 17:00 wurden die Lehrlinge nach Hause geschickt. Koch und Enzler arbeiteten durch die Nacht. Um 06:30 am nächsten Morgen stand der umgebaute Vierachser da. Um 08:00 Abnahme durch den nickenden Mick Farner. Auch dieser Satan gebodigt. Die beiden Mechaniker konnten dann nach Hause ins Bett. Was für eine Nachtübung! Welche Firma würde heute so einen Kundendienst leisten!?

Weitere Erinnerungen

Herr Fischbacher, der Leiter Getriebewerkstatt, war auch der Lehrlingsverantwortliche. Immer geduldig und auf alle Fragen die richtige Antwort. Wenn ich mich richtig erinnere, stellte man in der Getriebewerkstatt auch noch von Hand Zahnräder her, bei Bedarf Oldtimer. Wer kann das heute noch!?

Ein Oberlehrling namens Meyer (kein Führerschein) fühlte sich verpflichtet, den Unterlehrlingen LKW-Fahrstunden auf dem Werksgelände zu erteilen. Nach der Reparatur machte er schnell eine Funktionskontrolle um das Werksgelände. Dabei durfte ein jüngerer Lehrling mitfahren und man tauschte ausser Sichtweite die Plätze. Ich durfte dann auch mit in einem 2DM und als ich um eine Halle bog streifte ich die Hauswand und zerkratze die LKW-Seite. Damals gar kein Problem! Wir gingen ins Lager, fassten auf den noch offenen Auftrag die nötigen Teile aus und reparierten. Kosten dann nicht Einzelpositionen, sondern CHF 2000.– Klein- und Reinigungsmaterial. Wurde damals immer anstandslos bezahlt.

Schweigen ist Gold

Für ein paar Wochen musste ich in der Administration aushelfen, die Abteilung von Herrn Hänsel, einem sehr korrekten deutschen Herren. Leider sehr langweilig. Ich musste feststellen, dass hier alle den ganzen Tag schwiegen. Totenstille. Am dritten Tag kam Herr Hayn, ein anderer deutscher Herr, an meinem Tisch vorbei und blieb stehen. „Hast Du gestern Fussball gesehen?“ Ich hatte nicht mal Zeit zu antworten, da stand Abteilungsleiter Herr Hänsel bereits zwischen uns. „Meine Herren, bitte keine Privatgespräche während der Arbeitszeit, nur Geschäftliches!“

Das Schweigen ging wieder weiter … Unglaublich aber wahr! Damals herrschte noch Disziplin.


12. Juni 2024 – Thomas Raymann

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