Maya Jaeger-Wiget

Laboratory technician apprenticeship 1954–1957

Wir Saurer-Lehrlinge waren mächtig stolz, in der weltberühmten Firma Saurer zu „stiften“. Von „Berufskollegen“ in anderen Firmen wurden wir beneidet wegen der hervorragenden, breitgefächerten Ausbildung auf höchster Stufe.

Nachwuchsförderung stand in der Firma weit oben und die grosszügige Lehrlingsbetreuung trug ihre Früchte, indem Saurer-Stifte stets die besten Plätze bei der Abschlussprüfung belegten und auch problemlos jede gewünschte neue Stelle bekamen.

Als Stift wurden wir nicht, wie andernorts üblich, ausgenutzt. Vom ersten Tag an wurde man im Team integriert mit allen Rechten und Pflichten. Pünktlichkeit und höchste Präzision und Verantwortung bei den Arbeiten wurde uns beigebracht, aber auch selbständiges Denken gefördert.

Ich genoss eine einmalig schöne Lehrzeit!

Als 1. Lehrling im Saurerlabor, welches noch nie einen Lehrling ausbildete, war ich so eine Art von Versuchskaninchen und alle Vorgesetzten überboten sich an Hilfsbereitschaft, um ihr Wissen an mich weiterzugeben. Auch durfte ich in allen von mir gewünschten Abteilungen schnuppern.

Unter den Saurer-Lehrlingen hatte ich schulmässig eine Sonderstellung, da ich nicht die betriebseigene Schule besuchen konnte, sondern die spez. Laborantenschule in St. Gallen wegen der Hauptfächer Chemie, Physik und chem. Rechnen; einen ganzen Tag pro Woche. Das Schulgeld und das Bahnabo bezahlte die Firma.

Der Laborantenberuf mit Kt.-Abschlussprüfung war noch ziemlich neu und die Ausbildung wurde leider auf nur 3 Jahre festgelegt; viel zu kurz für den anfallenden Lehrstoff (wurde bald darauf auf 4 J. verlängert). Deshalb bestand meine Freizeit ausschliesslich aus Lernen, was man damals aber klaglos hinnahm.

Ärgerlich waren nur im 1. Lehrjahr (nach den üppigen Schulferien) die mageren Ferien; 12 Arbeitstage/Jahr und, wegen dem Lehrbeginn erst im April, pro rata unter 10 Tage.

Als Benachteiligung empfand ich auch den Ausschluss der Begünstigung meiner männlichen 300 Mitstifte. Jeder Saurerstift durfte auf Wunsch gratis während der Arbeitszeit bei Fahrlehrer Brunner Lastwagen-Fahrstunden nehmen mit anschliessender Fahrprüfung + Führerschein. Unser Lehrlingsvater Herr Tanner stellte sich gegen meinen Wunsch, er fand es für die einzige Lehrtochter unpassend!!

Sehr grosszügig zeigte er sich aber jedes Jahr, wenn er die Absolventen der Abschlussprüfung zu einem rauschenden Ball ins noble Hotel Bad Horn einlud.

Ein wirklich würdiger Abschluss der herrlichen Stiften-Zeit.


Seit ich nach langer Abwesenheit wieder in meiner Heimatstadt wohne, denke ich sehr viel, voll Freude und Dankbarkeit, an meine lehrreiche Saurer-Stiftenzeit zurück mit den liebenswerten, kompetenten Betreuern. Ich verdanke ihnen enorm viel. Es waren einmalig schöne Jahre!

Ein einschneidendes Erlebnis im 3. Lehrjahr

Im 3. Lehrjahr passierte mir ein fürchterlicher Fehler:

Als grossen Vertrauensbeweis durfte ich für eine Woche die Nachtschicht übernehmen, ab 2 Uhr. In der Giesserei bleibt der Kuppolofen Tag und Nacht in Betrieb und in kurzen Abständen wird die Gusszusammensetzung im Labor vor allem auf den Silicium- und Kohlenstoffgehalt überprüft und je nachdem im Ofen korrigiert, bis die Mischung stimmt. Um 6 Uhr muss der Guss giessbereit sein.

In der 5. Nacht meldete ich ganz zuletzt einen falschen Messwert und die 1. Charge misslang, wie sich bei der Prüfung der gegossenen Stücke zeigte. Riesenaufregung im Labor und der Giesserei.

Giessereidirektor Läsker zitierte mich in sein Büro, wo ich mehr tot als lebendig eintraf. Mein jämmerlicher Anblick verwandelte sein anfängliches Toben bald in begütigendes Trösten, sodass ich auf wackligen Beinen zurück im Labor von meinem Chef nach Hause entlassen werden konnte.

Eine solche Fehlanalyse wiederholte sich nie mehr!!!!!!!

Eine lehrreiche Episode

Zu Weihnachten 1954 erhielt ich vom Vertreter der Lieferfirma von Glaswaren für Laborbedarf zu meiner Überraschung und Freude eine prachtvolle Glasschale mit Deckel und dazu passend eine Rosenvase nebst einem Dankschreiben für den merklich gestiegenen Umsatz an Erlenmeyern, Bechergläsern, Pipetten und Glaselektroden.

Die Heiterkeit meiner Vorgesetzten dämpfte nun etwas meine Freude und beschämt dachte ich an die vielen Scherben in den ersten Wochen zurück, über welche sie immer so grosszügig hinweg gesehen hatten. Ein gutes Beispiel, wie verständnisvoll mit uns Stiften umgegangen wurde.


2. März 2024 – Maya Jaeger-Wiget, Arbon

23. März 2025 – Tonaufnahme:


← Zur Übersicht Anekdoten

Scroll to Top