Werner Künzler

Maschinenschlosserlehre 1959-1963

Die Lehrlingsausbildung bei Saurer vor 50 Jahren war stark geprägt von traditionellen Methoden und einem Fokus auf handwerkliche Fähigkeiten. Die Ausbildung war stark auf die Bereiche von Nutzfahrzeugen und Textilmaschinen ausgerichtet. Saurer bildete in den 60er bis 70er Jahren bis 400 Lehrlinge aus.

Die Lehrlinge im handwerklichen Bereich haben nach der Grundausbildung in der Lehrwerkstatt in verschiedenen Abteilungen rotiert, um ein breites Verständnis für die Produktion und die verschiedenen Prozesse zu entwickeln. Die Ausbildung war stark auf praktische Fertigkeiten wie Maschinenbedienung, Montage und Wartung ausgerichtet.

Die Ausbildung war auch hierarchisch, mit klaren Strukturen und Autorität innerhalb des Unternehmens ausgerichtet. Die Lehrlinge wurden von erfahrenen Handwerkern und Fachleuten unterrichtet und angeleitet.

Die Ausbildung war stark von mechanischen Systemen geprägt, da elektronische und computergesteuerte Maschinen vor 50 Jahren noch nicht verbreitet waren. Wir Lehrlinge haben also vor allem mit mechanischen Systemen, wie Fräs-, Dreh- und Schleifmaschinen gearbeitet und auch gelernt, im textilen Bereich Web- und Stickmaschinen und im Auto- und Motorenbereich komplexe Montagen durchzuführen.

Zu meiner persönlichen Lehrzeit:

Ein Eintrittstest war obligatorisch und deutete darauf hin, dass das Unternehmen qualifizierte Bewerber auswählen wollte, die über das notwendige Grundwissen und die Fähigkeiten verfügten, um erfolgreich in der Ausbildung zu sein. Die Ausbildung war anspruchsvoll und setzte hohe Standards. Sie zielte darauf ab, qualifizierte Fachkräfte für das Unternehmen auszubilden und zu fördern. Deshalb war eine Lehre bei Saurer auch sehr beliebt und ein grosser Teil der Absolventen blieb nach der Lehrzeit im Betrieb oder bildete sich weiter. So waren viele der Absolventen später auch in leitenden Funktionen tätig oder liessen sich als Techniker und Ingenieure ausbilden.

Die Teilnahme an ausserschulischen Aktivitäten wie Sportvereinen war von der Genehmigung des Lehrlingschefs, Herr Tanner, abhängig und auf Leistungen im Betrieb abgestützt. Das zeigt eine strenge Kontrolle und einen Fokus auf die berufliche Entwicklung der Lehrlinge. Das Unternehmen legte grossen Wert auf die Disziplin und das Engagement seiner Lehrlinge und wollte sicherstellen, dass ihre Zeit ausserhalb des Betriebs auch dazu genutzt wurde, die Fähigkeiten und Leistung zu verbessern.

Meine Lehrzeit als Maschinenschlosser dauerte von 1959 bis 1963. Ich bin mit über 180 Lehrlingen ins erste Lehrjahr eingetreten. Neben Maschinenschlosser-, Dreher- und weiteren mechanischen Berufen waren auch Konstrukteure und kaufmännische Lehrlinge dabei.

Einige Erlebnisse aus meiner Lehrzeit:

In die Lehrwerkstatt bin ich am 1. April mit einem viel zu grossen „Übergwändli“ meines Vaters eingetreten. Dazumal war die Abgabe eines „Saurer-Gwändlis“ noch nicht üblich. Roman Willi hat den Betrieb mit starker Hand geleitet. Hans Eugster, mein Lehrlingsausbilder, war ebenfalls sehr streng und hat uns kompetent überwacht. Wie sicher noch einige von Euch wissen, waren die ersten Wochen vom Feilen geprägt. Bei einem U-Eisen mit etwa 5 cm Schenkelhöhe und etwa 8 mm Schenkeldicke mussten die Schenkel bis auf die Grundplatte heruntergefeilt werden, was nicht nur bei mir schon am ersten Tag eine grosse Blase verursachte. Das Feilen füllte mich dann, mit Heftpflastern an der Hand, voll aus. Erst später waren dann das Feilen von ebenen Flächen mit leicht konkaver Oberfläche ebenso eine langwierige Übung. Genaue Einpassarbeiten, Löt- und Schmiedearbeiten waren ebenfalls Inhalt der Ausbildung. Alles Dinge, die heute kein Mechanik-Lehrling machen kann und auch muss, denn computergesteuerte Maschinen nehmen ihm diese Arbeiten ab.

In Erinnerung ist mir auch noch das Teeholen in der Saurer-Betriebskantine. Die Flaschen waren übrigens meist rundum verklebt, da „kiloweise“ gezuckert wurde! Für den Bezug gab es „Saurer-Münzen“, die sich auch eigneten, um in meinem Stammlokal die Juke-Box zu bedienen, bis mir die Wirtin auf die Schliche kam!

Der Zutritt zum Werk I war über zwei Eingänge möglich. Der eine Eingang für die Arbeiter und der zweite für die Angestellten. Wehe, wenn wir Lehrlinge mal versuchten, den Herren-Eingang zu benutzen! Wir wurden zurückgepfiffen und mussten rund um den Marktplatz zum anderen Eingang laufen.

In der Textilmaschinenmontage kann ich mich noch gut an eine Episode erinnern. Ich musste innerhalb einer Arbeitergruppe Schützenkästen für Webmaschinen montieren. Schon nach einigen Tagen hat mich der Gruppenführer ermahnt, nicht so schnell zu arbeiten, da sie sonst einige „Bedaux“ verlieren würden! Dieses Akkordsystem, das dazumal üblich war, mass die Leistung und war damit lohnmassgebend.

In der Automontage unter Meister Reich kippte mir eine Hinterachsfeder auf den Fuss und quetschte mir zwei Zehen. Der Meister verbot mir, den Sanitätsposten aufzusuchen: „Tu doch nicht so wehleidig, da beisst man durch!“ Diese Zehen verursachen mir auch noch heute Beschwerden, wenn sich der Fuss stark abkühlt.

Soweit ich mich erinnern mag, war ich stets ein „braver“ Lehrling und habe, soweit ich mich erinnern kann, nur einmal gesündigt! Wir haben die Berufsschule noch in der Saurer-Berufsschule, stirnseitig am Ersatzteillager am See, besucht. Am Ende eines Schultages fielen die letzten Stunden aus und wir wurden aufgefordert, wieder in den Betrieb arbeiten zu gehen. Aber die freien Stunden lockten mich und einige Kollegen allzu sehr und wir haben geschwänzt. Natürlich hat unser Lehrlingschef davon erfahren und wir durften zur Strafe während drei Samstagen von 7 – 12 Uhr im Archivkeller aufräumen. Dabei haben wir wohl auch „unbewusst“ einiges falsch eingelagert und Roger Kohler musste sicher in letzter Zeit wieder etwas ordnen!

Im 3. – 4. Lehrjahr (ab Alter 18) konnten wir dann die Lastwagen-Fahrschule auf einem „Saurer SV2C“ bei Herrn Josef Brunner Senior besuchen. Die Firma übernahm für uns die Kosten. Wir mussten nur die Ausweise bezahlen. Natürlich war das ebenfalls nur bei entsprechender Leistung in Schule und Betrieb möglich!

Veränderungen ab den 80er Jahren

Viele Veränderungen während meinen aktiven Berufsjahren bei Saurer von 1959 bis 2003 in der Lehrlingsausbildung habe ich hautnah miterlebt, war ich doch während dieser Zeit stets auch in der Ausbildung involviert. Die Firma wurde ja laufend redimensioniert und hatte grosse Auswirkungen bei der Lehrlingsausbildung und die Zahl der Lehrlinge wurde laufend reduziert.

Im Jahr 1995 wurde die Mechanik-Lehrwerkstatt von René Schlappritzi aufgelöst und ich wurde, neben den Aufgaben als Meister und später als Fertigungsleiter, für die Ausbildung und die Belange der Mechanik-Lehrlinge verantwortlich. Die Grundausbildung der Lehrlinge fand während eines Jahres in der Firma Bruderer Frasnacht statt. Meine Aufgaben umfassten die Rekrutierung von je zwei Lehrlingen pro Lehrjahr, die Erstellung von Instruktionsunterlagen und Einsatzplänen in den Werkstätten. Ergänzungskurse wurden bei Swissmechanic in Weinfelden durchgeführt.

2002 kündigte die Firma Bruderer den Vertrag „Grundausbildung“ und die Lehrlinge wurden in der Firma Starrag Rorschach ausgebildet.

Eine kleine Episode möchte ich aber noch erwähnen. Andreas Bischof, gesamtverantwortlich für die Ausbildung und heute Leiter der Lehrlingsausbildung bei Bühler Uzwil, organisierte jährlich eine Lehrlingsexkursion für die 4. Lehrjahre. 1996 führte eine Reise nach München ins Deutsche Museum und natürlich auch ins Hofbräuhaus. Zu Beginn unserer Reise nach München wurde unsere Gruppe kurz nach der Grenze in Österreich kontrolliert. Einer der Zollbeamten war mit Hund unterwegs und hat wohl bei drei von unseren Lehrlingen und Lehrtöchtern etwas Ähnliches wie Hanf gerochen. Jedenfalls wurden die drei im Grenzzollamt Lindau zurückgehalten und durften nach einigen Stunden die Reise wieder nach Hause antreten. Nicht alle sind wieder direkt nach Hause zurückgekehrt, sondern haben die Stunden bis zu unserer offiziellen Rückkehr bei einem Kollegen verbracht.


16. Mai 2024 – Werner Künzler, Arbon

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