{"id":496,"date":"2026-05-22T05:22:56","date_gmt":"2026-05-22T05:22:56","guid":{"rendered":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/?p=496"},"modified":"2026-06-15T05:40:35","modified_gmt":"2026-06-15T03:40:35","slug":"alfred-trentin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/alfred-trentin\/","title":{"rendered":"Alfred Trentin"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Ein Arbeitsjubilar von Alfred Trentin<\/strong><\/h3>\n<p>Am 7. Dezember 1942 trat Alfred Trentin seine Arbeit bei Saurer an, nachdem er zuvor in Schaffhausen als Ausl\u00e4ufer einer B\u00e4ckerei gearbeitet hatte. Er war damals 17 Jahre alt. Sehr zu seinem Erstaunen wurde er als Botenjunge eingesetzt, in den B\u00fcros. Alfred Trentin traute sich die Arbeit im B\u00fcro nicht zu, wollte abwehren. Er hatte eher an eine leichte Hilfsarbeit in den Fabrikhallen gedacht, er, der in der Schule wegen Kr\u00e4nklichkeit h\u00e4ufig gefehlt und deshalb weder Schulabschluss noch Berufslehre vorzuweisen hatte. Ungebildete Leute wie er, dachte er, geh\u00f6ren doch nicht ins B\u00fcro.<\/p>\n<p>In einem B\u00f6rsenkommentar vermeldete damals die \u00abHandelszeitung\u00bb ansteigende Aktienkurse und \u00abeine gewisse Belebung des Gesch\u00e4fts\u00bb, weil \u00abmilit\u00e4rische Ereignisse von kriegsentscheidender Bedeutung bisher ausgeblieben sind\u00bb. Saurer blickte \u00abauf eine hocherfreuliche Arbeitsperiode zur\u00fcck, die infolge des Krieges und bestimmter damit verbundener Bed\u00fcrfnisse den Produktionsprozess sehr zu beleben vermochte\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Alfred Trentin sein 40\u2011Jahr\u2011Arbeitsjubil\u00e4um bei Saurer.<\/strong> Dieser Tag, sagte mir Personalchef Henggeler am Telefon, gestalte sich meistens so, dass der Jubilar seinen Arbeitskollegen am Vormittag einen kleinen Imbiss offeriere, den Nachmittag aber f\u00fcr sich privat gestalte.<\/p>\n<p>Die Lage ist kritisch. Saurer hat seine Lastwagenproduktion an Mercedes\u2011Benz verkaufen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es d\u00fcrfte zu Entlassungen kommen. Nur gerade die alleroberste Firmenleitung hatte von der Transaktion gewusst. F\u00fcr alle andern kam die schlechte Nachricht \u00fcberraschend. Alfred Trentin hat Gl\u00fcck. Einige Monate vor dem Verkauf war er aus der unsicheren Lastwagenproduktion in das Terminb\u00fcro der Abteilung Textilmaschinen versetzt worden. Dort ist Saurer besser dran. Alfred Trentin sagt: \u00abIch hoffe, dass ich die paar Jahre bis zur Pension hier noch \u00fcberlebe. Wir alle m\u00fcssen hoffen, dass es mit Saurer noch aufw\u00e4rtsgeht.\u00bb Es t\u00f6nt fast wie ein Gebet.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Herr Trentin hatte aus dem Esszimmerfenster gesehen, wie ich durch die kleine Genossenschaftssiedlung an der Stacherholzstrasse in Arbon ging und die Nummer 15a suchte. Er stand an der Haust\u00fcr, als ich ankam, und sagte: \u00abKommen Sie herein!\u00bb<\/p>\n<p>Im Wohnzimmer fiel mir die Polstergruppe auf, eine von denen, wie sie vor 20, 25 Jahren zu Tausenden in einfache Schweizer Stuben zu stehen kamen: graugr\u00fcner Stoff, Messingn\u00e4gel mit runden K\u00f6pfen, glattpolierte, h\u00f6lzerne Armlehnen. Frau Trentin sass am Esszimmertisch und schenkte Kaffee ein, bot dazu frischgebackene Weihnachtsguetsli an. Ich fragte Herrn Trentin, wie das sei, wenn man vierzig Jahre lang im gleichen Betrieb arbeite.<\/p>\n<p>Er hob kurz die H\u00e4nde vom Tisch und liess sie wieder sinken. Da gebe es nicht viel zu sagen. Er lehnte sich etwas zur\u00fcck und fasste sein Arbeitsleben zusammen:<\/p>\n<p><em>\u00abAm Anfang hat man nat\u00fcrlich nicht an so etwas gedacht. Als man anfing, dachte man, das sei f\u00fcr ein paar Jahre. Dann hat man geheiratet und Kinder gehabt und wollte nicht mehr z\u00fcgeln. Man hatte eine Aufgabe und eine Verantwortung.<\/em><\/p>\n<p><em>Man hatte auch diese sch\u00f6ne Wohnung. Dann hat man f\u00fcnfundzwanzig Jahre gehabt, und jetzt sind es schon vierzig. Das h\u00e4uft sich so an, man merkt es gar nicht.\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Es sei schon mehr als zwanzig Jahre her, dass er das letzte Mal an einen Wechsel gedacht habe. Frau Trentin sagte: \u00abEr hat mir manches Mal leidgetan, wenn er so fr\u00fch auf musste, jeden Morgen, jahraus, jahrein, jeden Morgen ins gleiche B\u00fcro. Wie viele Male habe ich bei einer Fabrikbesichtigung geh\u00f6rt: Ihr Mann ist ein Angenehmer. Mit dem kann man gut zusammenarbeiten. Es ist sch\u00f6n, wenn man so etwas h\u00f6rt.\u00bb \u00abJa, du wirst schon estimiert bei Saurer. Du kannst dich nicht beklagen.\u00bb Er beklagt sich nicht.<\/p>\n<p>Herr Trentin sagte: \u00abWenn man am Morgen in die Bude geht und die Sonne rot \u00fcber dem Bodensee aufgeht und der ganze Himmel kn\u00fctschrot ist, ist man froh. Ich bin gl\u00fccklich. Wir haben es recht und sch\u00f6n, und die Frau steht auch tapfer zu einem.\u00bb Frau Trentin nahm das Kompliment l\u00e4chelnd an. \u00abIch danke dir\u00bb, sagte sie und deutete eine Verbeugung an.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Herr Trentin erg\u00e4nzte: \u00abDie Familie gibt einem Ruhe.\u00bb Das sei wichtig, denn in letzter Zeit sei es in der Fabrik schwieriger geworden. \u00abWissen Sie, wenn Sie alle Tage in die Firma gehen und arbeiten, und man ist da, und wenn es dann am Schluss des Jahres heisst: \u2039Es hat nicht rentiert, man hat wieder Defizite!\u203a, kann das einem Magengeschw\u00fcre machen.\u00bb<\/p>\n<p>Am Morgen des Jubil\u00e4ums\u00adtages sind die Trentins zeitig aufgestanden und haben alles f\u00fcr das kleine Festchen in der Fabrik vorbereitet. Herr Trentin steht am offenen Kofferraum des Autos und kontrolliert: Br\u00f6tchen, Bier, Wein, Kuchen, Kaffee. Auch der Kaffeerahm ist da. \u00abDas ist, glaube ich, alles\u00bb, ruft er. \u00abOben ist nichts mehr\u00bb, sagt sie. Die beiden steigen ins Auto und fahren zur Fabrik, deren Gel\u00e4nde bis auf hundert Meter an die Genossenschaftssiedlung herankommt. Er tr\u00e4gt ein graues, offenes Hemd, dunkle Hosen und eine Strickjacke. Sie hat etwas Puder aufgelegt. Ihre Lippen sind sehr rot.<\/p>\n<p>Die schwere T\u00fcr des Geb\u00e4udes kracht ins Schloss. Der Boden im Gang ist schwarz von Metallstaub und \u00d6l. \u00dcber eine steile Treppe tr\u00e4gt Alfred Trentin die Esswaren in das B\u00fcro, wo er seit einem halben Jahr arbeitet. Eine Fensterfront trennt es von der Fabrikhalle ab. Eine andere Scheibenfront geht hinaus aufs Fabrikgel\u00e4nde. Das B\u00fcro ist gross, und das Mobiliar ist alt. In einer Ecke stehen einige Garderobek\u00e4stchen aus dunkelgrauem Stahlblech. An einer Wand h\u00e4ngt ein Panoramabild von der S\u00fcdrampe des San Bernardino.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Trotz einigen vorweihnachtlichen Tannenzweigen mit Schokoladeschmuck und trotz dem weiss gedeckten Gabentisch wirkt das B\u00fcro kahl.<\/p>\n<p>\u00ab40 Dienstjahre! Zum Jubil\u00e4um gratulieren Deine Arbeitskameraden herzlich und w\u00fcnschen weiterhin alles Gute und pers\u00f6nliches Wohlergehen\u00bb, sagt eine grosse, sauber polierte Schrifttafel.<\/p>\n<p>Daneben stehen ein Fr\u00fcchtekorb, ein gerahmtes Diplom der Firma Saurer, einige Flaschen Wein aus der B\u00fcndner Herrschaft, zwei Geschenkpakete, eine grosse Gl\u00fcckwunschkarte der Arbeitskollegen, ein Couvert mit der Mitteilung, dass die Firma dem Jubilar soundso viele tausend Franken als Gratifikation \u00fcberweisen werde, etwas mehr als einen Monatslohn.<\/p>\n<p>Ein Arbeitskollege hat aus Zahnr\u00e4dern einen Kerzenst\u00e4nder gebastelt und auf dem Sockel einige Verse eingraviert:<\/p>\n<blockquote><p>Schon vierzig Jahre mit weiser Miene,<br \/>\njagt Herr Trentin die Termine.<br \/>\nWeit t\u00f6nt es in aller Munde,<br \/>\nbeim Freddy klappt\u2019s auf Tag und Stunde.<\/p>\n<p>W\u00fcrden sich alle so gebaren,<br \/>\ng\u00e4b\u2019s Saurer noch in tausend Jahren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Zahnr\u00e4der seien Ausschuss des neuen Stickmaschinenautomaten, sagt Herr Trentin. Er kennt auch die Lagernummer 103. Zwischen die Geschenke hat Frau Morson, die Sekret\u00e4rin, einige Blumen gelegt. \u00abDen Tisch haben Sie sehr sch\u00f6n gemacht\u00bb, sagt Frau Trentin.<\/p>\n<p>\u00abUnd auch die Tannenzweige.\u00bb Herr Trentin \u00f6ffnet eine Flasche Wein. Er ist etwas nerv\u00f6s und hat M\u00fche mit dem Korken. Dann \u00f6ffnet er die beiden P\u00e4ckchen. Das gr\u00f6ssere enth\u00e4lt eine Wanduhr mit einem grossen Saurer-Signet auf dem Zifferblatt.<\/p>\n<p>Herr Trentin ist ger\u00fchrt. Die Uhr freue ihn ungemein, sagt er, und fragt Frau Morson, wo sie dieses Signet noch habe auftreiben k\u00f6nnen. \u00abF\u00fcr Sie, Herr Trentin, ist mir keine M\u00fche zu viel\u00bb, sagt sie.<\/p>\n<p>Vizedirektor Hitz und Abteilungsleiter Perret geh\u00f6ren zu den ersten, die vorbeikommen. \u00abHerzliche Gratulation!\u00bb \u2013 \u00abSo, wie geht es, so nach vierzig Jahren?\u00bb Trentin nimmt die Gratulation entgegen und schenkt Wein ein. Sie sollen sich doch bedienen, sagt er, da habe es Salamibr\u00f6tchen. Hitz z\u00f6gert. Oder ob sie vielleicht lieber ein St\u00fcck Kuchen h\u00e4tten, fragt er. \u00abNein, nein\u00bb, sagt Hitz, es sei nicht, dass er nicht wolle, aber er habe eben erst gefr\u00fchst\u00fcckt.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Andere Gratulanten kommen. Hitz und Perret stehen zusammen und tauschen Erlebnisse von den grossen Herbstman\u00f6vern aus. \u00abJa, ich war voll im Graben\u00bb, sagt Hitz. Trentin erz\u00e4hlt sp\u00e4ter, Hitz sei etwas H\u00f6heres, Major oder so. Vom Werk 1, wo Trentin bis vor einem halben Jahr gearbeitet hat, kommt eine ganze Delegation, acht Arbeiter in blauen und zwei Meister in orangegelben Kutten.<\/p>\n<p>Sie gratulieren der Reihe nach. Jeder nimmt sich ein Br\u00f6tchen und ein Bier. Dann stellen sie sich in die Ecke bei den Garderobek\u00e4stchen und sind verlegen. \u00abJa, der Trentin\u00bb, sagt einer. \u00abWas meinst du\u00bb, sagt ein anderer und st\u00f6sst seinen Nachbarn mit dem Ellbogen an, \u00abwenn du auch einmal vierzig Jahre dabei bist.\u00bb Der Angesprochene ist noch jung. Er lacht ungl\u00e4ubig.<\/p>\n<p>Wer mit seinem Bier und Br\u00f6tchen fertig ist, steckt die H\u00e4nde in die Hosentaschen. Ein kleiner, grauhaariger Mann mit einem Stativ unter dem Arm und einer schwarzen Tasche \u00fcber der Schulter kommt herein. Er stellt das Stativ auf und montiert seine Hasselblad und fragt: \u00abWelches ist der Jubilar?\u00bb<\/p>\n<p>Herr Trentin stellt sich vor den Gabentisch. Er h\u00e4lt die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken verschr\u00e4nkt, zieht den Hals ein und macht ein wenig einen Buckel. So wirkt er kleiner, als er in Wirklichkeit ist.<\/p>\n<p>Der Fotograf macht drei Bilder. Dann packt er Kamera und Stativ wieder zusammen und geht. Ausser der Frage, welches der Jubilar sei, und zwei, drei kleinen Anweisungen, wie dieser am besten hinzustehen habe, hat er kein Wort gesagt. \u00abF\u00fcr die Werkzeitung\u00bb, erkl\u00e4rt mir ein Arbeiter.<\/p>\n<p>Die in den blauen Kutten trinken Bier, die in den orangegelben Kutten trinken Bier oder Wein, die in den weissen Hemden trinken Wein, und die Frauen trinken Kaffee. Alle kommen, bleiben eine Viertelstunde, h\u00f6chstens eine halbe, und gehen dann wieder.<\/p>\n<p>Alfred Trentin sch\u00fcttelt H\u00e4nde, nimmt Gl\u00fcckw\u00fcnsche entgegen und schaut manchmal den Gabentisch an. Immer wieder sagt er, wie ungemein ihn die Uhr mit dem Saurer-Signet freue, wie er kaum zu hoffen gewagt habe, ein solches Signet zu bekommen, und jetzt habe er es. Er sorgt daf\u00fcr, dass jeder zu essen und zu trinken bekommt. Man h\u00f6rt nicht viel von ihm.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Langsam versiegt der Strom der Gratulanten, und nach zehn Uhr sind nur noch Frau Morson und die Trentins im B\u00fcro. Zu dritt gehen sie die Spenderliste durch. Es sei viel Geld zusammengekommen, sagt Frau Morson. \u00abMehr als hundert haben etwas gegeben.\u00bb Daran sehe man, wie beliebt Herr Trentin sei.<\/p>\n<p>\u00abDer Stieger war nicht da\u00bb, sagt Trentin. \u00abDer Willi auch nicht. Und der Felix, war der da?\u00bb<\/p>\n<p>\u00abJa, der war da\u00bb, sagt Frau Morson.<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden, der gespendet hat, der aber nicht vorbeigekommen ist, legen sie ein Salamibr\u00f6tchen und ein Fl\u00e4schchen Bier auf die Seite. Frau Morson wird daf\u00fcr sorgen, dass jemand es ihnen bringt.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Man will keinen vergessen. Die T\u00fcr geht auf, und ein grosser, grauhaariger Mann kommt herein. Frau Trentin l\u00e4uft auf ihn zu und gibt ihm einen Kuss. \u00abHerr Ziegler\u00bb, ruft sie, \u00abdass Sie noch gekommen sind.\u00bb<\/p>\n<p>Sie hat ihn vor ein paar Tagen auf der Strasse getroffen und hat ihm vom Jubil\u00e4um ihres Mannes erz\u00e4hlt, und er hat versprochen, dass er auch noch vorbeikomme. Der alte Herr war Trentins erster Chef. Er war es, der den jungen Trentin vor vierzig Jahren aufs B\u00fcro genommen hat.<\/p>\n<p>Die \u00dcberraschung ist gegl\u00fcckt. Trentin freut sich. Herr Ziegler gratuliert und gibt Alfred Trentin eine Flasche in Geschenkpapier. Da habe er noch ein wenig Sirup mitgebracht, sagt er und l\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Die beiden M\u00e4nner stehen einander gegen\u00fcber und wissen nicht recht, was sie sagen sollen. Nach einer Viertelstunde geht Herr Ziegler wieder.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Im Auto, w\u00e4hrend der kurzen Fahrt vom Fabrikgel\u00e4nde nach Hause, sagte Frau Trentin: \u00abSo Freddy, jetzt ist der Teil vorbei, den du am unliebsten hattest.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abJa\u00bb, sagte er, \u00ababer wenn man dann dort ist, gef\u00e4llt es einem besser. Vor allem hat mich gefreut, dass so viele gekommen sind. Es zeigt einem, dass man eben doch noch so \u2026\u00bb Er machte den Satz nicht fertig.<\/p>\n<p>Am Mittag sind Herr und Frau Trentin ins Appenzellische gefahren und haben dort ein Fondue gegessen. Beim Kaffee sagte Alfred Trentin, er sei zufrieden, er habe, was er wollte.<\/p>\n<p>\u00abEine liebe Frau, anst\u00e4ndige Kinder, eine angenehme Wohnung, und dann, in den Sechzigern, konnte man auch an einen Luxus denken und hat sich ein kleines Auto gekauft.\u00bb Mehr als das wolle er gar nicht. \u00abMan muss sich seine Ziele so stecken, dass man sie erreichen kann.\u00bb<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Alfred Trentin hat sich nie abgestrampelt, um auf dem Firmenleiterchen h\u00f6herzukommen, und trotzdem sitzt er heute mit den Meistern am gleichen Tisch, wenn es Zeitabl\u00e4ufe zu besprechen gilt. Er sei dann der einzige mit einer blauen Kutte in dieser Runde der gelb gekleideten Meister.<\/p>\n<p>Bei einem Spaziergang oberhalb von St. Gallen \u00fcberraschte der Regen Herr und Frau Trentin, und sie stiegen eine lange Treppe zu einer Kapelle hoch. Sie nahmen Weihwasser, machten eine Kniebeuge und schauten zum Altar.<\/p>\n<p>\u00abMan muss dankbar sein\u00bb, sagte Herr Trentin, als sie wieder draussen im Regen standen. Er hatte einen Reportermantel an. Unter der Kapuze sah er aus wie ein lustiger, kleiner Gnom.<\/p>\n<p>\u00abSchon halb vier\u00bb, sagte Frau Trentin, als sie wieder ins Auto stiegen. \u00abWie schnell die Zeit vergeht.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abUm ehrlich zu sein\u00bb, sagte er, \u00abbei der Arbeit vergeht sie auch schnell.\u00bb Nur manchmal, wenn es draussen so richtig sch\u00f6n sei, halte er es in seinem B\u00fcro kaum mehr aus. Dann schaue er hinaus und \u00e4rgere sich, dass man die Scheiben von aussen nicht putzen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>\u00abAber daran haben sie nat\u00fcrlich nicht gedacht, als sie die Fabrik bauten.\u00bb<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Sie fuhren durch den regnerischen Nachmittag nach Arbon zur\u00fcck. \u00abWir haben mit dem Auto schon viel Sch\u00f6nes erlebt\u00bb, sagte er. Ihn zieht es immer wieder nach Norden, wo es noch Platz hat, wo man noch Weite sp\u00fcrt.<\/p>\n<p>\u00abIch bin vielleicht extrem gern ein bisschen frei\u00bb, sagte er, hob die Ellbogen und stiess sie zwei-, dreimal von sich weg, seitw\u00e4rts in die Luft.<\/p>\n<p>Zu Hause \u00fcberlegte sich Herr Trentin, wohin er die Wanduhr mit dem Signet seiner Firma h\u00e4ngen solle. \u00abWahrscheinlich h\u00e4nge ich sie in die Stube\u00bb, sagte er.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seine Frau in der K\u00fcche Tee kochte, fragte er mich, ob ich die Uhr an die Wand halten k\u00f6nnte. \u00ab\u00dcber dem Kanapee hat es noch Platz. Neben diesem Foto \u2013 das ist aus Finnland\u00bb, sagte er. \u00abJa, ich glaube, ich h\u00e4nge sie dorthin.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abMutti, komm doch mal\u00bb, rief er. \u00abWas meinst du?\u00bb<\/p>\n<p>\u00abJa\u00bb, sagte sie. \u00abHier passt sie gut hin.\u00bb<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Herr und Frau Trentin warten, bis es Zeit ist, erneut loszufahren. Sie werden sich heute Abend noch mit ihren Kindern und ihrem Schwiegersohn treffen. Alfred Trentin hat sie zur Feier des Tages zu einem Nachtessen eingeladen.<\/p>\n<p>Er sitzt am Esszimmertisch. Die H\u00e4ngelampe taucht den Tisch in ein warmes Licht. Die beiden entfernten Ecken des Zimmers liegen im Halbdunkeln. Alfred Trentin hat die Zeitung aufgeschlagen und liest leicht vorn\u00fcbergebeugt.<\/p>\n<p>Frau Trentin hat wieder Weihnachtsguetsli auf den Tisch gestellt. Er schaut von der Zeitung auf und sagt: \u00abIm Zahlenlotto m\u00fcssen wir mitmachen. Sie legen jetzt eine M<\/p>\n<p>Ich frage ihn, was er mit einem solchen Riesengewinn machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u00abIch w\u00fcrde bei Saurer aufh\u00f6ren\u00bb, sagt er. \u00abDie Zeit, die man dort ist, ist gebundene Zeit, und zudem sind es ausgerechnet die acht sch\u00f6nsten Stunden des Tages.\u00bb<\/p>\n<p>Er w\u00fcrde dann einfach hie und da Aushilfsarbeiten leisten, ohne aufs Geld zu schauen, anfangen, wann es ihm passt, und auch aufh\u00f6ren, wann ihm danach zumute ist.<\/p>\n<p>\u00abMan m\u00fcsste sich dann nicht so einsperren lassen\u00bb, sagt er.<\/p>\n<p>Eine Nachbarin st\u00fcrmt herein, gratuliert zum Festtag, l\u00e4sst ein Glas mit Guetsli und eine Flasche Cynar da und st\u00fcrmt wieder hinaus. Sie m\u00fcsse zum Nachtessen schauen, sagt sie. Ihr Mann komme jetzt heim. Der habe auch bald das Vierzigste, bemerkt Herr Trentin.<\/p>\n<p>\u00abWas\u00bb, sagt Frau Trentin, \u00abso lange ist der schon bei Saurer!\u00bb<\/p>\n<p>Alle Bekannten und Freunde der Trentins arbeiten bei Saurer. Ob er bei der Gewerkschaft sei, frage ich ihn.<\/p>\n<p>\u00abAm Anfang war ich.\u00bb Aber dann, mit der Heirat und mit den Kindern, habe man sparen m\u00fcssen. Da seien auch die paar Franken f\u00fcr den Mitgliederbeitrag eine Ausgabe gewesen, die man im Haushalt besser brauchen konnte. Er sei dann ausgetreten.<\/p>\n<p>\u00abVielleicht ist das schon nicht recht gewesen. Schliesslich hat man von den Verhandlungen ja auch profitiert.\u00bb<\/p>\n<p>Er habe daf\u00fcr versucht, mit niemandem Streit zu haben. Er sei auch niemandem in den R\u00fccken gefallen und habe es m\u00f6glichst allen recht gemacht, sagt er. Er sei damit recht weit gekommen.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Um viertel nach sechs gehen die Trentins. Die Strasse ist nass, und es hat ein wenig Nebel. Auch am Steuer beugt sich Herr Trentin leicht vor. Ich sitze hinten und sehe die beiden als dunkle Silhouetten vor der scheinwerfererhellten Strasse.<\/p>\n<p>Ohne sich umzuwenden, erz\u00e4hlt mir Herr Trentin davon, wie er eine Lehre als Hufschmied schon nach wenigen Wochen habe abbrechen m\u00fcssen, weil er so schw\u00e4chlich gewesen sei. \u00abEs w\u00e4re eine sehr sch\u00f6ne Lehrstelle gewesen\u00bb, sagt er.<\/p>\n<p>Dann beschreibt er seine Freude, die er versp\u00fcrte, als man ihn bei der Aushebung milit\u00e4rtauglich schrieb. Es sei seine gr\u00f6sste Freude gewesen, sagt er. Dann schweigt er.<\/p>\n<p>Einmal sprechen die beiden von ihren Enkelkindern und fragen sich, wie es ihnen wohl jetzt gerade ergehe, so ganz allein zu Hause.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Die Tochter habe einen ganz guten Mann geheiratet, sagt sie. Er sagt, man m\u00fcsse dankbar sein. Die Firma Saurer habe ihm erm\u00f6glicht, eine Familie zu gr\u00fcnden und Kinder grosszuziehen. Man habe eine Sicherheit gehabt und am Monatsende den Lohn.<\/p>\n<p>\u00abMan hat gearbeitet und sich eingesetzt.\u00bb<\/p>\n<p>Nach der Pensionierung werde er sicher manchmal etwas Heimweh haben.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Das \u00abGr\u00fcntal\u00bb ist eine auf rustikal renovierte Landbeiz wie viele andere, mit Antiquit\u00e4ten und alten Waffen an den W\u00e4nden, mit weiss gedeckten Tischen und Kerzen in Kerzenhaltern aus Messing.<\/p>\n<p>Die Familie ist vollz\u00e4hlig. Schwiegersohn Charlie \u00fcbernimmt die F\u00fchrung. Als Sohn eines els\u00e4ssischen Restaurateurs ist er f\u00fcrs Kulinarische zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>\u00abDu Vater setzt dich nat\u00fcrlich oben an den Tisch, du Mutter dich vielleicht rechts neben ihn.\u00bb<\/p>\n<p>Er weist jedem seinen Platz zu. Alle beugen sich \u00fcber die Men\u00fckarte.<\/p>\n<p>\u00abWas ist ein Teller Diana?\u00bb, fragt Frau Trentin.<\/p>\n<p>\u00abEben, was da steht\u00bb, sagt Charlie. \u00abHirschpfeffer, Sp\u00e4tzli, Birnen, die in Wein gekocht sind, und was so dazugeh\u00f6rt.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abWas sollen wir f\u00fcr einen Wein nehmen?\u00bb, fragt Herr Trentin.<\/p>\n<p>\u00abIch w\u00fcrde sagen, wir versuchen einen Beaujolais\u00bb, sagt Charlie.<\/p>\n<p>\u00abWas ist das f\u00fcr einer?\u00bb, fragt Herr Trentin.<\/p>\n<p>Es sei etwas Neues, erkl\u00e4rt Charlie. Etwas \u00c4hnliches wie der Beaujolais Nouveau, aber aus dem Wallis.<\/p>\n<p>\u00abDu hast gut gew\u00e4hlt\u00bb, sagt Herr Trentin, nachdem man das erste Mal angestossen und den Wein versucht hat.<\/p>\n<p>Auch mit dem Essen sind alle zufrieden. Vater Trentin lehnt sich satt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u00abAm liebsten habe ich das Leben mit den H\u00e4nden vor dem B\u00e4uchlein\u00bb, sagt er.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg f\u00e4hrt Frau Trentin. Sie hat nur Mineralwasser getrunken. Das war so abgemacht.<\/p>\n<p>\u00abDas war jetzt doch noch sch\u00f6n, dass alle gekommen sind\u00bb, sagt Herr Trentin.<\/p>\n<p>\u00abJa, das war die Kr\u00f6nung des Tages\u00bb, sagt sie.<\/p>\n<p>Beide schauen auf die Strasse. Es nieselt immer noch. Manchmal sagt er: \u00abRechts ist gut.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abJa\u00bb, sagt er, \u00abwir haben Gl\u00fcck gehabt. Die Tochter ist gl\u00fccklich verheiratet, und die andern haben einen anst\u00e4ndigen Beruf.\u00bb<\/p>\n<p>\u00abSo, wie f\u00fchlst du dich?\u00bb, fragt sie.<\/p>\n<p>\u00abGut\u00bb, sagt er. \u00abGut und satt.\u00bb<\/p>\n<p>Wir fahren in Arbon ein.<\/p>\n<p>\u00abUnd es ist nicht zu sp\u00e4t geworden. Es war gerade so richtig f\u00fcr einen Werktag. Ich meine, am Morgen muss man ja wieder raus.\u00bb<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p>Am andern Morgen beginnt Alfred Trentin seine Arbeit wie gewohnt um sieben Uhr. Wie immer ist er eine Zeit lang allein im B\u00fcro. Er legt einen grossen Folioband vor sich aufs Pult und geht die vielen darin aufgezeichneten Zahlen und Daten durch, bl\u00e4ttert, schreibt sich Zahlen heraus, schreibt neue Zahlen ins Buch.<\/p>\n<p>Manchmal konsultiert er die Computerbogen, die zusammengefaltet vor ihm liegen. In einer Ecke steht noch die Gratulationstafel vom Vortag.<\/p>\n<p>\u00abDie m\u00fcsste eigentlich schon weg sein\u00bb, sagt er. \u00abVielleicht hat heute ein anderer sein Jubil\u00e4um.\u00bb<\/p>\n<p>Draussen ist es inzwischen hell geworden. Der Himmel ist aber immer noch grau und schwarz verhangen.<\/p>\n<p>Auf dem Kalender auf seinem Schreibtisch sind einige pers\u00f6nliche Daten eingezeichnet, Geburtstage und so. Der \u00abDI Dez 7 235\u00bb, der 235. Arbeitstag des Jahres 1982, ist mit einem dicken roten Filzstift gekennzeichnet.<\/p>\n<p>Herr Trentin sagt: \u00abHeute ist wieder ein Tag wie jeder andere. Das ist so. Das andere soll ein Arbeiterfesttag sein, ein Tag, an dem man \u2026 Ja, ich w\u00fcrde sagen \u2026 verschont wird. Am andern Tag geht man dann wieder arbeiten. Man ist schon wieder eingerichtet.\u00bb<\/p>\n<p>So solle es schliesslich auch sein, sagt er. Man sei ja zum Arbeiten da, nicht zum Festen.<br \/>\n<a class=\"mein-button\" href=\"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/anekdoten-saurerzeit\/\"><br \/>\n\u2190 Zur \u00dcbersicht Anekdoten<br \/>\n<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Arbeitsjubilar von Alfred Trentin Am 7. 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