{"id":395,"date":"2026-05-19T17:38:48","date_gmt":"2026-05-19T17:38:48","guid":{"rendered":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/?p=395"},"modified":"2026-06-15T05:42:33","modified_gmt":"2026-06-15T03:42:33","slug":"thomas-raymann-saurer-zentrallager-und-saurer-nutzfahrzeuge-ag-lehrzeit-1988-1992","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/thomas-raymann-saurer-zentrallager-und-saurer-nutzfahrzeuge-ag-lehrzeit-1988-1992\/","title":{"rendered":"Thomas Raymann"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Lageristenlehre 1988\u20131992<\/strong><\/h3>\n<p>Ich war 1988 nach der damals obligaten Eintrittspr\u00fcfung der letzte Lehrling, der noch einen Adolph-Saurer-Lehrvertrag f\u00fcr das Ersatzteillager am See unterschrieben hat.<\/p>\n<p>Der Vertrag wurde dann innerhalb des ersten Lehrjahres auf Saurer Nutzfahrzeuge abge\u00e4ndert und ich musste meinen Arbeitsort vom See wechseln, zur Saurer Nutzfahrzeuge AG, gegen\u00fcber dem Arboner Bahnhof.<\/p>\n<p>Als Kind erinnerte man sich in den 1970er\/80er Jahren noch an die tausenden Saurer-Mitarbeiter, die in und aus den Werken str\u00f6mten. 1989 waren es nur noch wenige Dutzend. Arbon kollabierte langsam mit dem Wegzug der Familien auf Suche nach Arbeit.<\/p>\n<p>Man erinnert sich sicher noch an das Arboner Spielwaren-Gesch\u00e4ft Leo, das als eines der ersten einging. Der Inhaber wechselte dann asymmetrisch zur Saurer-Buchhaltung und verschwand dann kurz darauf mit einem grossen Batzen aus der Saurer-Kasse nach Italien und wurde nie mehr gesehen. Aus seiner Sicht den Verursacher seiner Not in die Verantwortung gezogen \u2026! Ironie des Lebens.<\/p>\n<p>1989 lernte ich in der Werkstatt der Saurer Nutzfahrzeuge AG noch die letzten echten Saurer-M\u00e4nner kennen. Echte B\u00fcetzer und \u201eknallharti Sieche\u201c. Gibt es heute nicht mehr.<\/p>\n<h4 style=\"margin-top: 30px;\"><strong>Werkstattkultur und Abschiede<\/strong><\/h4>\n<p>Gleich in den ersten Wochen der Lehre ging ein \u00e4lterer Herr nach \u00fcber 40 Jahren bei Saurer in Pension. In der Werkstatt scharten sich die Mechaniker um den Alten, man schenkte einen Grill mit Fleischkorb dazu, es gab die sprichw\u00f6rtliche goldene Saurer-Uhr. Der alte Herr schw\u00e4rmte nochmals von jungen Tagen, auch von Besuchen bei Saurer London 1950er, wo er immer noch von den topmodernen und f\u00fchrenden Saurer-Entwicklungen f\u00fcr den angels\u00e4chsischen Raum schw\u00e4rmte. Wir jungen Frischlinge kannten das alte weltweite Saurer-Netz schon nicht mehr. Man konnte das alte Firmenimperium nur erahnen. Wir waren damals in der letzten Phase des Untergangs und wussten das. Dann flossen beim alten Herren die Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Das Arbeitsleben, das man liebte und kannte, war nun offiziell vorbei. Er wollte nicht weg. Denke oft daran zur\u00fcck, heute rettet sich jeder schnellstm\u00f6glich aus der menschenverachtenden Globalisierung in den Ruhestand. Mit den Unternehmen verbindet die Leute ausser dem Geld nichts mehr. Die Jungen sind nach 2 Jahren wieder weg und jagen dem n\u00e4chsten h\u00f6heren Gehalt hinterher. F\u00fcr die Firma ist man heute nur eine anonyme Kostenstelle.<\/p>\n<p>Bei dieser Werkstatt-Pensionierung im Kreis der Saurer-Mechaniker 1989 war jeder noch wer, oft lebenslange Profis auf ihrem Gebiet. Das Kollektiv eine eingeschworene Gemeinschaft, fast Familie. Ein Leben ausserhalb Saurer oder was mit der Globalisierung noch kommen sollte war undenkbar. Es waren noch heile Tage voller ehrlicher Knochenarbeit. M\u00e4nner, die sich zum Wohl der Firma Saurer aufopferten und das als selbstverst\u00e4ndlich sahen.<\/p>\n<h4 style=\"margin-top: 30px;\"><strong>Werkstatt-Alltag<\/strong><\/h4>\n<p>Eugen Frei, der Werkstattchef der Nutzfahrzeuge, bleibt mir in Erinnerung. Er orchestrierte die Mechaniker, den st\u00e4ndigen Strom an Fahrzeugen und die speziellen Kundenw\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Dann gab es noch Jack Germann, Spezialist f\u00fcr das Honen von Lastwagen-Zylindern. Er machte den ganzen Tag nichts anderes. Er fuhr mit dem Moped in die Werkstatt und parkierte gleich neben seiner Hon-Maschine. Oft ein Karton Bierflaschen hinten auf dem Gep\u00e4cktr\u00e4ger des T\u00f6ffli. Er machte eine schweisstreibende Arbeit. Einen Fahrausweis f\u00fcr Auto oder LKW hatte er nie gemacht, reparierte aber die gr\u00f6ssten Fahrzeuge auf der Strasse.<\/p>\n<p>In der Werkzeugausgabe arbeitete der Appenzeller Niederer. Der holte auch mal ein leeres \u00d6lfass aus dem Lager, legte einen Grill darauf und dann gab es heissen Fleischk\u00e4se in der Werkstatt. In der Nacht wachte man dann auf, mit lauter kratzigen gr\u00fcnen Punkten auf der Haut, vermutlich eine Reaktion auf das Rest\u00f6l, das im Fass mitverbrannte beim Grillen \u2026 en Guete!<\/p>\n<h4 style=\"margin-top: 30px;\"><strong>\u201eHurr\u00e4 Satan\u201c<\/strong><\/h4>\n<p>Die Appenzeller Mechaniker Enzler und Koch arbeiteten oft zusammen. Bei ihnen hiess jeder Chlapf, der reinkam: \u201eHurr\u00e4 Satan!\u201c Den galt es zu bodigen!<\/p>\n<p>An einem Abend kam Transporteur und Hauptkunde Mick Farner mit dem Stumpen in die Werkstatt, um einen brandneuen Drei-Achser Mercedes-LKW abzuholen. Farner lief einmal um den neuen Chlapf und sch\u00fcttelte den Kopf. Werkstattchef Geni Frei eilte herbei, um zu erfahren, was nicht stimmte. \u201eWill gliich kein dr\u00fc\u00fcachser! Passt mer n\u00f6d. Will en Vierachser! Chum en morn goh hole!\u201c<\/p>\n<p>Der Kunde hatte gesprochen. Geni kommandierte sofort Koch und Enzler herbei zur Befehlsausgabe. Im Ersatzteillager holte man die n\u00f6tigen Zeichnungen und fuhr dann zur NAW, wo man alle Mercedes-Teile ausfasste. Um 17:00 wurden die Lehrlinge nach Hause geschickt. Koch und Enzler arbeiteten durch die Nacht. Um 06:30 am n\u00e4chsten Morgen stand der umgebaute Vierachser da. Um 08:00 Abnahme durch den nickenden Mick Farner. Auch dieser Satan gebodigt. Die beiden Mechaniker konnten dann nach Hause ins Bett. Was f\u00fcr eine Nacht\u00fcbung! Welche Firma w\u00fcrde heute so einen Kundendienst leisten!?<\/p>\n<h4 style=\"margin-top: 30px;\"><strong>Weitere Erinnerungen<\/strong><\/h4>\n<p>Herr Fischbacher, der Leiter Getriebewerkstatt, war auch der Lehrlingsverantwortliche. Immer geduldig und auf alle Fragen die richtige Antwort. Wenn ich mich richtig erinnere, stellte man in der Getriebewerkstatt auch noch von Hand Zahnr\u00e4der her, bei Bedarf Oldtimer. Wer kann das heute noch!?<\/p>\n<p>Ein Oberlehrling namens Meyer (kein F\u00fchrerschein) f\u00fchlte sich verpflichtet, den Unterlehrlingen LKW-Fahrstunden auf dem Werksgel\u00e4nde zu erteilen. Nach der Reparatur machte er schnell eine Funktionskontrolle um das Werksgel\u00e4nde. Dabei durfte ein j\u00fcngerer Lehrling mitfahren und man tauschte ausser Sichtweite die Pl\u00e4tze. Ich durfte dann auch mit in einem 2DM und als ich um eine Halle bog streifte ich die Hauswand und zerkratze die LKW-Seite. Damals gar kein Problem! Wir gingen ins Lager, fassten auf den noch offenen Auftrag die n\u00f6tigen Teile aus und reparierten. Kosten dann nicht Einzelpositionen, sondern CHF 2000.\u2013 Klein- und Reinigungsmaterial. Wurde damals immer anstandslos bezahlt.<\/p>\n<p><strong>Schweigen ist Gold<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr ein paar Wochen musste ich in der Administration aushelfen, die Abteilung von Herrn H\u00e4nsel, einem sehr korrekten deutschen Herren. Leider sehr langweilig. Ich musste feststellen, dass hier alle den ganzen Tag schwiegen. Totenstille. Am dritten Tag kam Herr Hayn, ein anderer deutscher Herr, an meinem Tisch vorbei und blieb stehen. \u201eHast Du gestern Fussball gesehen?\u201c Ich hatte nicht mal Zeit zu antworten, da stand Abteilungsleiter Herr H\u00e4nsel bereits zwischen uns. \u201eMeine Herren, bitte keine Privatgespr\u00e4che w\u00e4hrend der Arbeitszeit, nur Gesch\u00e4ftliches!\u201c<\/p>\n<p>Das Schweigen ging wieder weiter \u2026 Unglaublich aber wahr! Damals herrschte noch Disziplin.<\/p>\n<hr style=\"margin: 40px 0;\" \/>\n<p><em>12. Juni 2024 \u2013 Thomas Raymann<\/em><br \/>\n<a class=\"mein-button\" href=\"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/anekdoten-lehrzeit\/\"><br \/>\n\u2190 Zur \u00dcbersicht Anekdoten<br \/>\n<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lageristenlehre 1988\u20131992 Ich war 1988 nach der damals obligaten Eintrittspr\u00fcfung der letzte Lehrling, der noch einen Adolph-Saurer-Lehrvertrag f\u00fcr das Ersatzteillager [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"default","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"set","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"slim_seo":{"title":"Thomas Raymann - Saurer Archiv","description":"Lageristenlehre 1988\u20131992 Ich war 1988 nach der damals obligaten Eintrittspr\u00fcfung der letzte Lehrling, der noch einen Adolph-Saurer-Lehrvertrag f\u00fcr das Ersatzte"},"_slim_seo_primary_term_category":0,"_slim_seo_primary_term_post_tag":0,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-395","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-saurer-lehrling"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=395"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":971,"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/395\/revisions\/971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=395"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=395"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/saurer-archiv.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=395"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}